«Die Logik umkehren» Fotos: Aurel Märki

«Die Logik umkehren»

Heute dürfen sich Bürgerinnen oft an konkreten Bau- und Planungsprojekten beteiligen. Sie sollten aber auch selbst Themen setzen. Ein Gespräch mit zwei Experten.

Bürgerbeteiligung ist in Mode. Gemeinden, Investoren, Genossenschaften, sie alle laden ein. Ist ein Politiker unsicher, steht ein heikles Bauprojekt oder eine Quartieraufwertung an, gilt heute: beteiligen! Doch wen und wieso? Ist die Antwort darauf unklar, wird Bürgerbeteiligung zur sinnlosen Harmonieparty, an der sich alle alles wünschen. Frustration ist dann programmiert. Der Zürcher Politologe Walter Schenkel begleitet Verkehrs- und Stadtentwicklungsprojekte. Er zeigt Betroffenen die Sachzwänge, den rechtlichen Rahmen und die politischen Entscheidungswege auf, und er moderiert die Suche nach Lösungen. Ergänzend zu solcher Projektpartizipation sollten in der Stadt von morgen aber auch Bürgerinnen und Nachbarn eigene Bedürfnisse einbringen können, findet Stadtplaner Julian Petrin aus Hamburg. Die Welt ist komplex genug, wieso die Leute auch noch nach ihrer Meinung fragen? Julian Petrin: Komplexität ist ein Totschlagargument. Die Welt war nie einfach, und gesellschaftliches Zusammenleben seit jeher ein widersprüchlicher Aushandlungsprozess. Nach 1968 erleben wir derzeit eine zweite Welle sozialer Bewegungen. Diese sind weniger emanzipatorisch, sondern allgemeiner ausgerichtet. Auch konservative Schichten stellen heute die Machtfrage, Stichwort ‹Stuttgart 21› und ‹Pegida›. Die Menschen fühlen sich durch die repräsentative Demokratie nicht vertreten, sehen die Politik als Handlanger des Grosskapitals. Müssen also Politikerinnen und Planer auf diese veränderte Situation neue Antworten finden? Julian Petrin: Wir erleben möglicherweise gerade das Ende von Zins und Kapitalismus. Darum müssen wir zuallererst neue Fragen stellen. Was kommt nach der Wachstumsgesellschaft, und wie verteilen wir den Wohlstand gerechter? Dafür sind neue Prozesse der Beteiligung nötig. Städte brauchen dauerhaft offene Verhandlungsstrukturen. Wir müssen die reaktive und paternalistische...
«Die Logik umkehren»

Heute dürfen sich Bürgerinnen oft an konkreten Bau- und Planungsprojekten beteiligen. Sie sollten aber auch selbst Themen setzen. Ein Gespräch mit zwei Experten.

E-Mail angeben und weiterlesen:

Dieser Beitrag ist Teil unseres Abos. Trotzdem möchten wir Ihnen Zugriff gewähren. Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt – Deal?