Der Preis des Verkehrs

Gemeinsam fragten ETH und Universität Zürich an einer internationalen und interdisziplinären Tagung nach dem «Preis des Verkehrs». Viele Technokraten waren sich einig, dass der Verkehr zu billig ist und nicht von den Verursachern bezahlt wird. Kostenwahrheit und «Mobility Pricing» seien der richtige, aber politisch schwierig umsetzbare Weg. Dass aber niemand von weniger Verkehr sprach, ist «Katastrophenpolitik», die der Schweiz nur schaden kann.

Die ETH und die Universität Zürich hatten sich zu einer "vierten Internationalen und interdisziplinären Tagung" zusammengetan, die nach dem „Preis des Verkehrs“ fragte. Zu Beginn gab es eine Lockerungsübung. Der grosse alte Mann der Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler betrieb kontrafaktische Modellierung. Wie sähe die Welt aus ohne die Erfindung des Autos? Der Fortschritt hätte sich auf Schienen bewegt, wozu auch der Lift zu zählen ist. Der Wohlstand wäre ebenso ausgebrochen und das Bruttosozialprodukt wäre um 5% geringer. Anders herum, eine Welt ohne Auto ist vorstellbar, aber heute nicht mehr möglich.
Die Tagung nahm ihren Lauf und für den mitbewegten Stadtwanderer, war einiges daran erstaunlich. Alle diese Verkehrsfachleute scheinen sich einig darüber, dass der Verkehr zu billig ist. Genauer, dass er hoch subventioniert ist. Die Nutzer zahlen nicht alles, was sie konsumieren. Das ist längst bekannt, dass aber die Verkehrsleute einstimmig eine höhere Nutzerbeteiligung fordern, macht hellhörig. Man darf das ruhig mit Kostenwahrheit im Verkehr übersetzen. Sorgen machen sie sich auch über die steigenden Kosten, sprich eine stabile Finanzierung des Verkehrs. Wer soll das bezahlen und wie? Es sieht düster aus am Finanzhorizont.
Es gab an dieser Tagung viele Technokraten und wenige Politiker. Anders herum: Eigentlich wüssten die Fachleute, was zu tun wäre, aber dies durchzusetzen trauen sie der Politik nicht richtig zu. Sie wüssten wo der Bundesfranken am wirkungsvollsten eingesetzt wäre, doch die Regionalpolitik baut am falschen Ort. Immerhin, die schlimmsten Engpässe sollen verschwinden.
Ein neues Wort hat viel Gebrauch und Unterstützung: Mobility Pricing. Es geht dabei nicht um eine Hochpreisinsel wie wir das aus London kennen, sondern um einen grundsätzlichen Systemwechsel. You pay what you drive oder you pay what you use. Man zahlt fürs Fahren und zahlt so viel wie es wirklich kostet. Das flächendeckend, für alle Verkehrsträger. Der elektronisch gemessene Konsum wird verrechnet und im Preis die externen Kosten mitberücksichtigt. Die Mineralölsteuer und die kantonalen Autosteuern werden abgeschafft und am Schluss zahlt der verkehr den Verkehr. Was heute Mobility Pricing heisst, hiess vor 30 Jahren Gesamtverkehrskonzept.
Der Preis des Verkehrs ist hoch, aber zahlbar, sagen die Verkehrsfachleute. Sie sind überzeugt, dass er immer steige und für den Wohlstand unverzichtbar ist. Es gilt das System zu verbessern, was durch Verkehrsmanagement, Engpassbeseitigung, Ausbau zu geschehen hat. Von weniger Verkehr sprach niemand. Das ist „Katastrophenpolitik“, die der Schweiz nur schaden kann. Trotzdem kann sich der Stadtwanderer nicht verkneifen, zur kontrafaktischen Modellierung aufzurufen: Was wäre, wenn es weniger Verkehr gäbe? Er tröstet sich mit dem Glauben, dass bei Mobility Pricing der Verkehr teurer würde, genauer, von denen bezahlt, die ihn verursachen, die sich also überlegen würden, wie viel sie fahren wollen. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg.

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