«Stadtwerdung der Agglomeration: Die Suche nach einer neuen urbanen Qualität»: Die umstrittene Synthese von Jürg Sulzer.

Der eigentliche Skandal

Zu Köbi Gantenbeins Kritik am Programm 65 des Schweizerischen Nationalfonds für ‹Neue urbane Qualität› haben sich auf Hochparterre.ch einige prominente Kommentatoren geäussert.

Zu Köbi Gantenbeins Kritik am Programm 65 des Schweizerischen Nationalfonds für ‹Neue urbane Qualität› haben sich auf Hochparterre.ch einige prominente Kommentatoren geäussert. «Man fragt sich ob die Leitungsgruppe effektiv fähig war, die erarbeiteten Grundsätze der Kollegen aufzunehmen und auf sachliche Art und Weise der Öffentlichkeit zu vermitteln», schreibt zum Beispiel ETH-Professor Marc Angélil. In seinem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Hochparterre zeigt sich Chefredaktor Gantenbein verblüfft, wie die Städtebauer und Architektinnen gegen die Konventionen von Wissenschaft antreten: «Normative Setzung, subjektive Bilder und persönliche Metaphern sind die wissenschaftlichen Prinzipien der Städtebauer. Sie verlängern das beliebte Berufs- und Selbstbild vom Architekten als ‹homo faber› in die Wissenschaft. Und – schwuppdiwupp – heisst entwerfen forschen.» Alain Thierstein, Professor für Raumentwicklung an der Technischen Universität München verweist in seinem Kommentar auf die Forschungsschwäche der Schweizer Universitäten, die am Ursprung des Nationalfondprogramms standen: «Anstatt eine Kultur des ‹Research by Design› zu entwickeln hat man den Nationalfonds dazu gebracht, ein eigenes Programm für ETHs/Akademie zu reservieren.» Kritik an der Vermittlung des Programms äussert auch Stefan Kurath, Professor am Institut für Urban Landscape der ZHAW: «Sulzer [Jürg Sulzer, Professor für Städtebau und Verfasser einer ‹Synthese›des Programm 65 (Anmerkung der Redaktion)] hat in der Synthese bloss seine persönliche unwissenschaftliche Meinung kundgetan. Das ist der (weitere) eigentliche Skandal!» 

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Kommentare

Fabienne Morger 19.08.2015 16:06
Danke für diesen notwendigen Beitrag von Köbi Gantenbein. Unter Benedikt Loderer wäre der kritische Blick auf diese rückwärtsorientierte Städtebau-Ideologie eines Jürg Sulzers im Hochparterre undenkbar gewesen.
Andreas Konrad 19.08.2015 17:37
Rückwärtsorientierte Städtebau-Ideologie? Der gute, alte Blockrand (zu sehen im Richti-Areal oder beim Limmatfeld) ermöglicht eine angenehme, klar strukturiere Stadtstruktur, Gewerbe gegen die lauten Strassen und ruhige Wohn -Innenhöfe. Wieso dieses klassische Zürcher Kulturgut von «Hochparterre» derart verhöhnt wird, bleibt nicht nachvollziehbar. Bunte, billige Wegwerfarchitektur aus den 60-ern ,70-ern und 90-er Jahren wie in Schwamendingen, Aarau (Telli), Bern Bümpliz und dem halben Mittelland sind zusammenhanglose Wüsten mit Abstandsgrün, die gerne zur Verwahrlosung tendieren. Lieber mehr vordergründigen «new urbanism» als verkopfte Stadtplanung, die nur auf dem Reissbrett und dem Würfelimodell cool aussieht, aus der Fussgänger- und Benutzerperspektive aber keinerlei Aufenthaltsqualität bietet. Was die Amerikaner ohne ideologische Scheuklappen seit 200 Jahren praktizieren, hat es in Europa schwer. Genauer: In der Schweiz. Da wird lieber munter weitergewürfelt, bis noch die letzte Gemeinde auseinanderpflatscht.
Sebastien 19.08.2015 22:57
"Was die Amerikaner ohne ideologische Scheuklappen seit 200 Jahren praktizieren, hat es in Europa schwer." Nicht im Ernst. Der amerikanische Sprawl soll Vorbild für Europa sein? New Urbanism gibts seit 2 Jahrzehnten, und die bekanntesten Städtchen wie Seadside o.ä. sind präzise das, was du an der Moderne kritisiert: Eine 'master-planned Community', eine Planstadt, von konservativen Architekten auf dem Reissbrett für gutbetuchte Idealbürger entworfen, privatisiert, gentrifiziert. Mir kommt das NFP-Forschungsgrüppchen unter Jürg Sulzer vor wie die SVP, die das Schweizerische Amt für Statistik abschaffen wollen, weil ihnen Wissenschaftlichkeit ein Greuel ist. 'Behaupten und Glauben', wie treffend.
Andreas Konrad 20.08.2015 00:16
«Seaside o.ä.» Ich denke da eher an die Planungen für Jakriborg und Sankt Eriksomradet (Schweden), Le Plessis-Robinson (Frankreich) und die (nicht immer) behutsame Wiederverstädterung von Berlin Mitte, wo man u.a. die Platten (Paris) geschliffen und bezahlbaren Wohnraum mit Gewerbe geschaffen hat. Das «Quartier am Tacheles» von Duany & Plater-Zyberk wiederum für wohhabendere Leute wurde nie verwirklicht. Leider versteigst auch Du Dich in billige Polemik, wenn Du die beliebten Arbeiterquartiere 4, 5, Wiedikon (Manessehof) und Wallisellen (Richti) mit irgendwelchen SVP -Ideologien gleichsetzt. Als würde man einen Rechtskonservativen je aus seinem energie- und landfressenden Hüsli vertreiben können. Die Moderne hat seit den Schandtaten der DDR, Seweromorsk, den Banlieues und Volketswil abgedankt. Doch Schweizer Architekten bleiben eisern dem Würfeli verpflichtet, auch hervorragende Vertreter der Zunft wie Diener & Diener (mit ihrem «Maaghof», der an einen Block für verdiente Genossen in Pyöngyang erinnert). Herr Lampugnani und andere zeigen, wie mans auch und vielleicht besser machen kann. Was ist so schlimm daran, dass eine Gruppe Architekten gleich aufheult wie ein Wald voll Affen?
SABI 22.08.2015 09:34
das richti-areal von lampunanini ist eine moderne (oder sollte man sagen: neomoderne) entwicklung par excellence: ein immobilienbesitzer für einen ganzen (!) stadtteil, ein paar globale architekturbüros, multinationale firmen als ankermieter, ein internationaler architekturstil (retro-monoton, weil das grad mehrheitsfähig ist heute), eine grosse geste, die klar diktiert, welcher art das leben in zukunft hier stadtfinden soll und wie nicht. architekten und finanzierer, die genau wissen, was die bewohner brauchen zum leben. keine mitwirkung, keine mitsprache der bewohner. kein platz für nuancen, zwischentöne. die moderne im 21 jh.
Andreas Konrad 24.08.2015 12:23
Ganz Wiedikon und Teile Aussersihls wurden «nach einheitlichem Gestaltungsplan» mit Fassaden in «erheblich schönem Masswerke» errichtet, das alte Oerlikon nach Raster von Scotoni und Diener hingepflanzt, von Eschers Bahnhofstrasse ganz zu schweigen. Die «grosse Geste» und die wenigen beteiligten Bauunternehmer haben zur Stadtwerdung beigetragen. Was individuelle Gestaltungfreiheit bewirkt, zeigt uns Dübendorf u.a. Chaotisches Mus, das man gerne schnell verlässt. Und kosmetische Gummibegriffe wie «keine Zwischentöne» «ohne Nuancen» sind inhaltsleere Schlagworte, mit der man auch z.B. die Innenstadt von Paris schlechtreden kann.
Andreas Konrad 24.08.2015 12:35
Nachtrag: Dass Genossenschaften ggü. sogenannten «Multis» nicht immer zwangsläufig besser bauen, zeigt das aktuelle Beispiel der «Kalkbreite»: Ein autistischer Klotz, der sich der Umgebung verweigert und den Bewohnern ein ideologisches Korsett verordnet. Selbst der raffinierte Putz und der sehr schöne «Houdini» -Schriftzug kann da nicht mehr viel ausrichten. Dann lieber doch Lampugnanis humane Blockrand -Neoklassik.
Hermann Huber 26.08.2015 15:05
ein Lesetipp für die Kommentatoren: Zwischenstadt Band 5, 'Zwischen Stadt Entwerfen' Herausgegeben von Thomas Sieverts, 2005 !
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Ich kann das Bild nicht lesen