Die Podiumsrunde: Lukas Zumsteg, Ralf Bucher, Urs Hofmann, Sibylle Lichtensteiger, Pierre-Alain Graf, Angelus Eisinger und Moderatorin Rahel Marti.

Aargau, wie weiter?

An Hochparterres Städtebau-Stammtisch in Lenzburg präsentierte die Gruppe «Bibergeil» ihre Studie über die Entwicklung des Aargaus und stellte sich den Fragen und der Kritik einer engagierten Podiumsrunde.

Rund 450 Zuschauer drängten gestern Abend zu Hochparterres «Städtebau-Stammtisch» in die ehemaligen Hero-Fabrikhallen in Lenzburg. Die Gruppe mit dem aufreizenden Namen «Bibergeil» präsentierte dort ihre Studie über die zukünftige Entwicklung des Aargaus und stellte sich den Fragen und der Kritik einer engagierten Podiumsrunde. Die Studie «Les Argovies. Identität des Dazwischen» – entwickelt und in Zeitungsform publiziert von den beteiligten Architekturbüros Liechti Graf Zumsteg, Schneider & Schneider Architekten und Meier Leder Architekten sowie dem Studio Vulkan Landschaftsarchitektur – will «alternative Entwicklungsstrategien» aufzeigen, wie sich Landschaft und Siedlung im Dialog entwickeln lassen und wie identitätsstiftende Lebensräume geschaffen werden können. Das Problem im  Aargau ist dasselbe wie anderswo: Siedlungen breiten sich  «wie eine Epidemie» in der Landschaft aus (so Beat Schneider zur Einführung), Landschafts- und Ortsbilder verschwimmen. Die Bevölkerungskurve  für die nächsten Jahrzehnten zeigt derweil weiter steil nach oben. Die Gruppe Bibergeil setzt dem konstatierten «unspezifischen Wachstum» ihre Idee eines «selektiven Wachstums» entgegen. Landschaftsräume wie die Jurahöhen und die Südtäler sollen nicht weiter wachsen (besser noch schrumpfen), während sich der urbane Raum entlang einer verdichteten Städtekette mit Brugg, Lenzburg, Aarau und Olten konzentrieren soll.

Der Aargauer Landammann Urs Hoffmann nahm der Zukunftsvision gleich zu Beginn etwas den Wind aus den Segeln: Es handle sich um Ideen, die schon in den siebziger Jahren formuliert worden seien und die seit langem in die Raumplanung eingeflossen seien. Der aktuelle Richtplan verfolge im Grunde diesselbe Stossrichtung, wie sie die Gruppe Bibergeil formuliere. Was darüber hinausgehe, zum Beispiel die Entleerung der Südtäler, sei eine realpolitische Illusion. Der Städtebautheoretiker Angelus Eisinger konterte, dass die Rezepte der Raumplanung aber offenbar nicht funktionierten, wenn die Ziele, die man sich seit vierzig Jahren setze, nicht erreicht würden. Gleichzeitig äusserte er Kritik an der Studie «Les Argovies»: Für eine These sei sie zu wenig provokant, für ein Projekt zu wenig konkret. Wie in der offiziellen Raumplanungspolitik fehle auch hier der Schritt von der zweidimensionalen Planung in den konkreten Raum, es fehlten bildgebende Verfahren, die nicht nur Zahlen und Flächen, sondern auch räumliche, ortsspezifische Atmosphären vermitteln würden. Einen solchen Schritt Richtung Wirklichkeit würde sich Eisinger von einer Weiterbearbeitung der Studie erhoffen.

Überhaupt: die Realität! So einmütig die Podiumsteilnehmer und das Publikum die Inititative und die Absichten der Gruppe Bibergeil im Grundsatz begrüssten, so skeptisch stellten sie Fragen nach den Umsetzungsmöglichkeiten: Welche Rolle spielt die Wirtschaft, welche das Geld? Wie lässt sich die Gemeindeautonomie und der Steuerwettbewerb mit einer kantonsweiten Vision in Übereinkunft bringen? Müsste man nicht in erster Linie über das Mobilitätsverhalten nachdenken und dort andere Anreize setzen? Und kann aus dem «Ländler», der sich täglich seines schönen Gartens erfreut, überhaupt ein überzeugter «Städter» werden? Solche Fragen konnten weder die Studie noch der gestrige Abend abschliessend beantworten. Eines aber hat die Gruppe Bibergeil zweifellos erreicht: die öffentliche Diskussion über die Zukunft des Aargaus. Das enorme Interesse am gestrigen Anlass bewies es eindrücklich.

Hochparterre präsentiert den Städtebaustammtisch mit freundlicher Unterstützung von Velux.
 

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