Diskussion um Verdichtung im Bestand (Andrea Steegmüller, Salomé Gutscher, Daia Stutz, Matthias Stocker, Lars Uellendahl) Fotos: Andreas Mader
In Zusammenarbeit mit BSLA

Die Wiederentdeckung des Zeilenbaus mit Abstandgrün

Wie passen mehr Wohnungen in den Bestand? Zwei Projekte regten zur Diskussion über Verdichtung und Freiraum an, über Stehenlassen, Weiterbauen und die praktischen Herausforderungen des Ergänzens.

Anthos geht auf Schweizerreise: Hochparterre und der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA reisen in seinem Jubiläumsjahr durch die Schweiz und spannen mit regionalen Architekturforen zusammen. Vor Ort, zwischen und mit den Disziplinen diskutieren wir die Schnittstellen von und zwischen Landschaftsarchitektur und Architektur. 

Heiss war es am 1. Juli, als im Forum Architektur Winterthur die Verdichtung im Bestand zum Thema wurde. Mehr Wohnungen sollen nicht mehr mit Abriss und Neubau auf der Tabula rasa entstehen, sondern ressourcenschonend im Bestand. Wie das ganz konkret geht, diskutierten Landschaftsarchitekten und Architektinnen an zwei Projekten, der Stammsiedlung BBZ in Zürich und der Siedlung Grabenacker in Winterthur. 

Günstigen und Grünen Bestand geschickt ergänzen

Die Siedlung BBZ in Oerlikon, gebaut zwischen 1945 und 50, umfasst viele günstige Dreizimmerwohnungen in Zeilenbauten. Diese genügen schon länger nicht mehr den  Ansprüchen an Familienwohnungen, die Genossenschaft hat daher bereits in den Nullerjahren mit der Ersatzneubauplanung begonnen. Statt kleiner Wohnungen in kleinen Zeilenbauten sollte es grosszügigere Blöcke mit grösseren Wohnungen geben. 2008 enstanden erste neue Zeilen entlang der stark befahrenen Wehntalerstrasse, mit Tiefgarage. Doch in der Zwischenzeit zeigte sich: Die neuen Wohnungen sind beliebt, doch die alten auch, denn so preisgünstig lässt sich sonst kaum irgendwo wohnen. Ausserdem ist es angenehm schattig unter dem alten Baumbestand des Abstandsgrüns. Der neu entdeckte Wert des Bestands brachte die Genossenschaft dazu, die Pläne für den Totalersatz zu überdenken. Pool Architekten und S2L Landschaftsarchitektur entwickelten den Masterplan weiter. Statt Abriss und Neubau werden die bestehenden Zeilenbauten in den nächsten Jahren mit Kopfbauten ergänzt, die mehr Wohnungen ins Areal bringen. Die Freiräume werden erhalten und weiterentwickelt, etwa entlang der Strassen und Wege, wo mehr Grün und weniger Parkplätze geplant sind. Die behutsame Ergänzung bringt aber auch praktische Herausforderungen mit sich, wie Landschaftsarchitekt Daia Stutz betont: Die Baustellenlogistik werde komplizierter, wenn man um Bäume und bewohnten Bestand herum plane. 

BBZ Zürich: Der Masterplan sieht gezielte Ergänzungen des Bestands vor.

Am Grabenacker in Oberwinterthur stehen heute Reihenhäuser. Die Genossenschaftssiedlung aus den 1950ern ist besonders beliebt bei Familien - für die Phasen davor und danach fehlen die geeigneten Wohnungen, bis auf zwei kleine Zeilen. Eine Erneuerung bietet eine Chance. Die Reihenhäuser werden gegenwärtig denkmalgerecht saniert, doch für die Zeilenbauten entwarf das junge Basler Architekturbüro ASA+SAGA Ersatzneubauten. Diese stricken die Struktur des Quartiers weiter und bieten kleinere Wohnungen für die Phase vor oder nach der Familie. An der ruhigen Grabenackerstrasse parkierten bisher die Autos. Die neue Freiraumgestaltung von Meta Landschaftsarchitektur sieht vor, die Parkplätze zu entfernen und die Vorgärten mit öffentlichen und halböffentlichen Flächen bis an die Strasse zu ziehen. 

Grabenacker: Ergänzung der Reihenhauszeilen mit Wohnbauten und sorgfältige Übergangsräume

Ergänzen statt abreissen 

Die beiden Projekte zeigen, wie Verdichtung im Bestand gehen kann, weg vom Totalersatz und im respektvollen Umgang mit geschützten Bauten. Die Diskussion beleuchtete, was das konkret bedeutet. Zur Sprache kam, wer wie entscheidet, was das bedeutet und 

Vor zehn bis fünfzehn Jahren verachteten viele, die in der Planung arbeiten, den suburbanen Zeilenbau der Nachkriegszeit mit dem als bieder konnotierten Abstandsgrün. Immer mehr wird aber deutlich: Diese Quartiere haben auch einen Wert. Fliessende Grünräume mit grossen Einzelbäumen und schattigen Baumgruppen sorgen für ein angenehmes Wohnklima und dass die Mieten günstig sind, ist bei der heutigen Wohnungskrise auch nicht zu verachten. Das Gespräch drehte sich jedoch vor allem um die praktischen und finanziellen Herausforderungen des Quartier-Weiterbauens. Was ist besonders erhaltenswert? Welche Bedürfnisse haben die Bewohnerinnen und Bewohner? Wie geht man mit der Parkierung um? Um- und weiterbauen ist teuer, wie funktioniert eine möglichst baumschonende Baulogistik? Und wie überzeugt man eine Stadt oder Gemeinde, eine kleine Quartierstrasse abzuklassieren, weil der neue Masterplan eine Wohnstrasse vorsieht und die Parkplätze abschafft beziehungsweise an einen anderen Ort verlegt? 

Für die Landschaftsarchitektur ist Weiternutzung ausserdem heute nicht lukrativ, wie Daia Stutz bemerkte. Denn bezahlt werden die neu gepflanzten Bäume, die neu gebauten Anlagen, nicht der Erhalt des Bestands. Ähnliches gilt für die Architektur. Hier ist Umdenken gefragt, denn bisher können viele Planungsleistungen im Bestand nicht direkt abgegolten werden, obwohl sie wünschenswert sind. Neu bauen lohnt sich für ein Büro mehr. 

Ästhetik und Weiterbauen?

Es geht aber nicht nur um praktische Herausforderungen. Wie Matthias Stocker zum Schluss bemerkte: «Wo bleiben Entwurf, Form und Gestalt?» Tatsächlich. Vor zwanzig Jahren wäre wohl es mehr um Ästhetik gegangen, heute stehen Funktion und Zusammenarbeit im Vordergrund. Doch zugleich entdecken die Planenden im Bestand die Qualitäten. 

Komplexe Themen zwischen Architektur und Landschaftsarchitektur bei 34 Grad Sommerhitze.

 

 

 

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Kommentare

Andreas Konrad 13.07.2025 13:38
Ein Umdenken tut dringend Not. Nicht Architekten oder Planungsvergütungen sollen in Entscheidungen in Sachen Städtebau eine Hauptrolle spielen. Sie sind Dienstleister und haben sich den vorgängig getroffenen Entscheiden zu beugen, wie und wo wir unser bauliches und kulturelles Erbe erhalten wollen. Allzuviel wurde in den Nuller und 10-er Jahren abgerissen und durch triste und gestaltungsferne Wegwerfarchitektur ersetzt - weisse Styroporwürfel mit billigen Schwarzfenstern aus dem Baumarkt, lärmschutzbedingt im bunkerschlitzig - abweisenden Kleid. Der schlecht geschalte Beton riecht nach lieblosem Handwerk, nach schnellem Investorengold, aber nicht nach nachhaltiger Quartierentwicklung und der goldenen Regel im Bauen: «Das Neue muss besser sein als das Alte.» Man kann den Vordenkern nur viel Glück in der Durchsetzung der neu erstandenen Erkenntnis wünschen.
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