Die Wiederentdeckung des Zeilenbaus mit Abstandgrün
Wie passen mehr Wohnungen in den Bestand? Zwei Projekte regten zur Diskussion über Verdichtung und Freiraum an, über Stehenlassen, Weiterbauen und die praktischen Herausforderungen des Ergänzens.
Anthos geht auf Schweizerreise: Hochparterre und der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA reisen in seinem Jubiläumsjahr durch die Schweiz und spannen mit regionalen Architekturforen zusammen. Vor Ort, zwischen und mit den Disziplinen diskutieren wir die Schnittstellen von und zwischen Landschaftsarchitektur und Architektur.
Heiss war es am 1. Juli, als im Forum Architektur Winterthur die Verdichtung im Bestand zum Thema wurde. Mehr Wohnungen sollen nicht mehr mit Abriss und Neubau auf der Tabula rasa entstehen, sondern ressourcenschonend im Bestand. Wie das ganz konkret geht, diskutierten Landschaftsarchitekten und Architektinnen an zwei Projekten, der Stammsiedlung BBZ in Zürich und der Siedlung Grabenacker in Winterthur.
Günstigen und Grünen Bestand geschickt ergänzen
Die Siedlung BBZ in Oerlikon, gebaut zwischen 1945 und 50, umfasst viele günstige Dreizimmerwohnungen in Zeilenbauten. Diese genügen schon länger nicht mehr den Ansprüchen an Familienwohnungen, die Genossenschaft hat daher bereits in den Nullerjahren mit der Ersatzneubauplanung begonnen. Statt kleiner Wohnungen in kleinen Zeilenbauten sollte es grosszügigere Blöcke mit grösseren Wohnungen geben. 2008 enstanden erste neue Zeilen entlang der stark befahrenen Wehntalerstrasse, mit Tiefgarage. Doch in der Zwischenzeit zeigte sich: Die neuen Wohnungen sind beliebt, doch die alten auch, denn so preisgünstig lässt sich sonst kaum irgendwo wohnen. Ausserdem ist es angenehm schattig unter dem alten Baumbestand des Abstandsgrüns. Der neu entdeckte Wert des Bestands brachte die Genossenschaft dazu, die Pläne für den Totalersatz zu überdenken. Pool Architekten und S2L Landschaftsarchitektur entwickelten den Masterplan weiter. Statt Abriss und Neubau werden die bestehenden Zeilenbauten in den nächsten Jahren mit Kopfbauten ergänzt, die mehr Wohnungen ins Areal bringen. Die Freiräume werden erhalten und weiterentwickelt, etwa entlang der Strassen und Wege, wo mehr Grün und weniger Parkplätze geplant sind. Die behutsame Ergänzung bringt aber auch praktische Herausforderungen mit sich, wie Landschaftsarchitekt Daia Stutz betont: Die Baustellenlogistik werde komplizierter, wenn man um Bäume und bewohnten Bestand herum plane.
Am Grabenacker in Oberwinterthur stehen heute Reihenhäuser. Die Genossenschaftssiedlung aus den 1950ern ist besonders beliebt bei Familien - für die Phasen davor und danach fehlen die geeigneten Wohnungen, bis auf zwei kleine Zeilen. Eine Erneuerung bietet eine Chance. Die Reihenhäuser werden gegenwärtig denkmalgerecht saniert, doch für die Zeilenbauten entwarf das junge Basler Architekturbüro ASA+SAGA Ersatzneubauten. Diese stricken die Struktur des Quartiers weiter und bieten kleinere Wohnungen für die Phase vor oder nach der Familie. An der ruhigen Grabenackerstrasse parkierten bisher die Autos. Die neue Freiraumgestaltung von Meta Landschaftsarchitektur sieht vor, die Parkplätze zu entfernen und die Vorgärten mit öffentlichen und halböffentlichen Flächen bis an die Strasse zu ziehen.
Ergänzen statt abreissen
Die beiden Projekte zeigen, wie Verdichtung im Bestand gehen kann, weg vom Totalersatz und im respektvollen Umgang mit geschützten Bauten. Die Diskussion beleuchtete, was das konkret bedeutet. Zur Sprache kam, wer wie entscheidet, was das bedeutet und
Vor zehn bis fünfzehn Jahren verachteten viele, die in der Planung arbeiten, den suburbanen Zeilenbau der Nachkriegszeit mit dem als bieder konnotierten Abstandsgrün. Immer mehr wird aber deutlich: Diese Quartiere haben auch einen Wert. Fliessende Grünräume mit grossen Einzelbäumen und schattigen Baumgruppen sorgen für ein angenehmes Wohnklima und dass die Mieten günstig sind, ist bei der heutigen Wohnungskrise auch nicht zu verachten. Das Gespräch drehte sich jedoch vor allem um die praktischen und finanziellen Herausforderungen des Quartier-Weiterbauens. Was ist besonders erhaltenswert? Welche Bedürfnisse haben die Bewohnerinnen und Bewohner? Wie geht man mit der Parkierung um? Um- und weiterbauen ist teuer, wie funktioniert eine möglichst baumschonende Baulogistik? Und wie überzeugt man eine Stadt oder Gemeinde, eine kleine Quartierstrasse abzuklassieren, weil der neue Masterplan eine Wohnstrasse vorsieht und die Parkplätze abschafft beziehungsweise an einen anderen Ort verlegt?
Für die Landschaftsarchitektur ist Weiternutzung ausserdem heute nicht lukrativ, wie Daia Stutz bemerkte. Denn bezahlt werden die neu gepflanzten Bäume, die neu gebauten Anlagen, nicht der Erhalt des Bestands. Ähnliches gilt für die Architektur. Hier ist Umdenken gefragt, denn bisher können viele Planungsleistungen im Bestand nicht direkt abgegolten werden, obwohl sie wünschenswert sind. Neu bauen lohnt sich für ein Büro mehr.
Ästhetik und Weiterbauen?
Es geht aber nicht nur um praktische Herausforderungen. Wie Matthias Stocker zum Schluss bemerkte: «Wo bleiben Entwurf, Form und Gestalt?» Tatsächlich. Vor zwanzig Jahren wäre wohl es mehr um Ästhetik gegangen, heute stehen Funktion und Zusammenarbeit im Vordergrund. Doch zugleich entdecken die Planenden im Bestand die Qualitäten.
Anthos on Tour: Verdichten im Bestand
Der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA reist in seinem Jubiläumsjahr zusammen mit Hochparterre durch die Schweiz und diskutiert vor Ort die Schnittstellen zwischen Landschaftsarchitektur und Architektur. An der ersten Station in Winterthur diskutieren zwei Tandems aus Architektur und Landschaftsarchitektur in Winterthur anhand konkreter Beispiele über Hürden und Qualität bei der Entwicklung im Bestand.
Die Veranstaltungsreihe wird unterstützt von ACO www.aco.ch, VELOPA www.velopa.ch und Società Anonima San Giorgio www.sangiorgio1942.ch.
Datum und Ort: 1. Juli, 19 Uhr im Forum Architektur Winterthur.
Begrüssung: Riet Bezzola, Forum Architektur Winterthur, Patrick Schoeck, BSLA
Podium mit Matthias Stocker, Pool Architekten, Daia Stutz, S2L Landschaftsarchitektur (Tandem 1, Verdichtung Stammsiedlung BBZ, Zürich) sowie Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher, ASA + SAGA Architektur und Städtebau, Lars Uellendahl, Meta Landschaftsarchitektur (Verdichtung Grabenacker, Winterthur). Moderation: Maarit Ströbele, Hochparterre
Anthos on Tour – alle Stationen
17. Mai: i2a Lugano
19. August: Architekturforum Bern
Herbst 2025: Bauforum Zug, Architekturforum Zürich