Welche Gedanken und Erinnerungen lösen Schweizer Orte der Kunst und Architektur aus? Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak hat sich auf eine assoziative Reise begeben.
Fragmente
Welche Gedanken und Erinnerungen lösen Schweizer Orte der Kunst und Architektur aus? Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak hat sich auf eine assoziative Reise begeben.
Sils Maria–Maloja
Anfang August breche ich mit meinem Schatten in Richtung Zürich auf. In ihm trage ich die Erinnerung an eine Stadt, die im Lärm versinkt, und an ein stoisches Familienlächeln für ein letztes Schwarz-Weiss-Bild.
In der Schweiz angekommen, behauptet mein Schatten sogleich, er könne sich alles herausnehmen. Er flirtet mit der Sonne, wird in ihrer Hand graubraun. Er schwillt an und schrumpft, zieht sich in die Länge, duckt sich. Und in Sils Maria streckt er sich im Tango mit dem Schatten meines Mannes voller Grossmut himmelwärts, sodass wir aussehen wie Giacomettis Figuren auf Stelzen. Genau wie ich liebt mein Schatten Schlangenwolken – er findet sie weichherzig und dennoch begnadet souverän, ihrer Mystik vollkommen würdig. Auf der zweistündigen Wanderung von Sils nach Maloja spüre ich unter ihrem wachsamen Blick, wie ihre Dankbarkeit meine Füsse antreibt.
Ein Gefühl von Stärke wächst in mir – wie ein Berg.
Das ist dein Sahyadri, sagt mein Schatten. Nutze es, um den Lärm abzublocken. Denk an Nietzsche, der sagte, im Hellen sei das Ohr weniger nötig. So erlangte die Musik den Charakter einer Kunst von Nacht und Dämmerung.
An diesem Abend rollt sich im Roten Zimmer, nur fünf Schritte von Nietzsches einstigem Zimmer entfernt, mein Schatten zum Schlafen zusammen, während ich, von den Rufen aus dem Tal verfolgt, wachliege.
Pavillon Le Corbusier
Sie kommt zurück: die Vorstellung von Schwerelosigkeit und Festigkeit, während mein Schatten und ich unter dem gebogenen Baldachin der Dachterrasse sitzen und auf stattliche Bäume und Villen und im umliegenden Park picknickende Familien blicken. Hier, auf diesem Wunderwerk aus Glas und Stahl, sollen wir schweben, zusammen mit unseren Gedanken, in der Gewissheit, dass alles andere im Gebäude auf unsere Grösse abgestimmt ist.
Ich weiss nicht, welches Masssystem mein Vater, der Architekt war, anwendet...
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