Eine Sackgasse namens Meienberg

Würde Niklaus Meienberg an seiner Strasse wohnen wollen?

Vor 20 Jahren starb Niklaus Meienberg. In St.Gallen gibt es ein Neubauqartier, erschlossen von einer nach ihm benannten Sackgasse. Er würde dort wohl kaum wohnen wollen.

Niklaus Meienberg, der wortgewaltige Journalist, nahm sich vor 20 Jahre das Leben. Seit 2005 gibt es zu seiner Erinnerung am Nordhang über dem St.Galler Stadtquartier Birnbäumen – ganz in der Nähe seines Elternhauses – die Meienbergstrasse, eine Sackgasse. Die Strasse erschliesst ein Neubauquartier auf dem einst grünen Hang unterhalb der bekannten «Drei Weihern». Der heutige Stadtpräsident Thomas Scheitlin (FDP) – damals noch Stadtparlamentarier – räumte offen ein, dass ihn der Entscheid der Namenskommission nicht freue. Er fragte, ob einer, der so viel Kritisches über die Stadt St.Gallen geschrieben habe, diese Ehre auch verdiene.
Die Überbauungen an der neu angelegten Strasse würden dicht und damit platzsparend, versprach der Stadtrat, zwei Drittel des Areals blieben grün. Und die Baukörper passten sich «vorzüglich in die Hanglage ein. Die Konzentration der Bauten vermeidet eine flächige Überbauung des Hanges», stand im Gestaltungsplan. Die Nachbarn waren anderer Meinung und ergriffen das Referendum – in der Abstimmung aber blieben sie erfolglos.

Jetzt kann Bilanz gezogen werden. Und viele St.Galler wundern sich, dass sich vom gegenüberliegenden Rosenberg aus der Hang «zugehäuselt» präsentiert. Wie eine ausgeleerte Legoschachtel liegen die Neubauten im Hang verstreut, jede der bisher drei Bauetappen mit Abstandsgrün von der nächsten getrennt. Implenia, Helvetia und der Architekt Felix Sigrist waren die Investoren. Von den insgesamt 150 Wohnungen sind mehr als die Hälfte Eigentumswohnungen oder Reihenhäuser. Der Verkauf lief gut. Und auch wer zur Miete in den zwei 90 Meter langen Mehrfamilienblocks wohnt, residiert standesgemäss: Wohnungsgrundrisse mit Aussicht auf die Stadt und nach Süden, auf beiden Seiten holzverkleidete Balkone. Und dazu die passenden Gebäudenamen: «Champagner» und «Williams».
Aus der Nähe zeigt sich das bekannte Bild: Mit den fast geschlossenen Nordfassaden strecken die Neubauten der Strasse das Füdli entgegen. Und nicht einmal über die Gestaltung des Strassenrandes konnten sich die Investoren einigen. Das Trottoir endet plötzlich im Nichts und ist mit schweren Betonpollern verstellt, damit niemand auf die Idee komme, hier sein Auto hinzustellen. Aber Trottoirs braucht es an der Meienbergstrasse auch gar nicht: In dieser Preisklasse wohnen heisst, direkt mit dem Auto in die eigene Tiefgarage zu fahren – Für 150 Wohnungen gibt es fast 200 Garagenplätze.

So wohnen? Niklaus Meienberg, der sich schon früh, in Paris, mit der «Gentrification» der Quartiere befasst hat, hat sich städtisches Wohnen sicher anders vorgestellt.

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