Verschwindende Städte

Maaza Mengiste erlebte den Ausbruch der Pandemie in Zürich. Ihre Heimatstadt New York, wo sie besonders wütete, schien nicht mehr zu existieren.

Fotos: Nina Subin

Maaza Mengiste erlebte den Ausbruch der Pandemie in Zürich. Ihre Heimatstadt New York, wo sie besonders wütete, schien nicht mehr zu existieren.

Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Jandl Inzwischen kennt die Geschichte jeder: Covid-19 arbeitete sich durch China, Italien, Spanien und andere Teile Europas, gelangte in die USA und setzte sich in New York fest. Die Fallzahlen schnellten derart nach oben, dass meine Heimatstadt New York City bald zum Epizentrum der Pandemie wurde. Wie die Videos und die Bilder aus den früheren Epizentren in Italien und China zeigten die Bilder aus New York eine beängstigende neue Weltordnung. Währenddessen sass ich in meiner Wohnung in Zürich – das Literaturhaus und die Stiftung PWG hatten mich zu einer Schreibresidenz eingeladen –, und es fiel mir schwer, nicht in dieselbe Angst und Panik zu verfallen, wie es meine Familie und Freunde in New York gerade taten. Es war seltsam, den Anfang der Pandemie im relativ ruhigen Zürich zu erleben. Die Stadt wirkt in vielerlei Hinsicht wie das völlige Gegenteil von New York. Mich erstaunte das Gefühl von unbegrenztem Raum. Keine Wolkenkratzer, die die Sonne verdecken. Keine Menschenmassen auf den Strassen. Raum zum Leben, für Bewegung. Als die Situation schlimmer wurde, wollte ich zurück, wollte bei meinem Mann und meiner Familie sein, aber sie rieten entschieden davon ab. Als das Virus in New York wütete, bekam ich die gedankliche und zeitliche Entfernung zwischen dem Ort, den ich mein Zuhause nenne, und meiner Schreibresidenz voll zu spüren. Mein Leben in Zürich fühlte sich konkret und wirklich an. New York, so wie ich es gekannt hatte, schien seit dem Ausbruch der Pandemie hingegen nicht mehr zu existieren. Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, Museen und Galerien ebenfalls. Die U-Bahn fuhr nicht mehr rund um die Uhr. Die Energie und das Tempo, die New York so einzigartig machten, die mich ebenso erschöpften wie inspirierten, waren weg. Von der Stadt waren nur die mir wichtigen Menschen geblieben: mein Mann, meine Familie, me...

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