Auf der ehemaligen Militärflugpiste Turtmann schreibt Sabine Zaalene «Dort ist ein Mann». Foto: Annette Kummer 2014 Fotos: zVg

Triennale im Wallis

Bis Ende August läuft die Triennale für zeitgenössische Kunst im Wallis. Ein Reader bereitet auf den Besuch vor – und entschädigt Zuhausegebliebene.

Der Projektleiter Marcel Henry will damit nicht die Ausstellung zwischen zwei Buchdeckeln dokumentieren, sondern Kontext liefern: Die Beiträge beleuchten aus verschiedenen Perspektiven das Thema der Kulturbrache – alle die Orte, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben und die als Kunstorte neu bespielt werden. Wer sich auf den Weg macht, über die Kunst das Wallis neu zu entdecken, kommt auch an Orte wie die Belle Usine in Fully, die Strafanstalt L'Ancien Pénitencier in Sion, die Staumauer von Mauvoisin oder die ungenutzten Militärflugplatz in Turtmann. Ausgewählt wurden die vier Triennale-Standorte weil sie eigen sind. Aber auch weil sie eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Strukturwandel und der nachfolgenden Leere provozieren. Kuratiert von Helen Hirsch, Heinrich Gartentor, Jean-Paul Felley / Olivier Kaeser und Raffael Dörig setzen sie die Glanzpunkte der Triennale.

Es sei diese Leere, die der Kunst den Treibstoff liefert, meint Marcel Henry im begleitenden Katalog. Eine Brache mag zwar leer sein, aber nicht ohne Bedeutung, zeigt Federica Martini in ihrem Essay. Darin beleuchtet sie das Verhältnis zwischen Hülle und Leere, Vergangenheit und Gegenwart von zu Kunstorten umgenutzten Fabriken. Und greift auf bekannte Beispiele zurück: Bei der Bankside Power Station in London setzten Herzog & de Meuron auf die Macht des Kraftwerks, sichtbar in der Turbinenhalle. Die Tate Modern wurde zum Vorbild für eine Art der Umnutzung industrieller Brachen, die die Spuren der Vergangenheit konservieren will. Doch inzwischen gibt es eine Gegenbewegung zu diesem Industrial turn und der Feier des Genius loci. Sie besinnt sich auf die Absichten Künstler und Kuratorinnen zurück, die seit den 1960er Jahren Lagerhäuser, Fabriken, Militärbaracken oder Schulhäuser als Kunstorte nutzten, weil sie den Schritt aus dem White Cube machen wollten. Mit der Institutionalisierung solcher Brachenpolitik gingen solche Beweggründe freilich verloren. Das Museum in der Industriebrache ist aus dieser Perspektive absurd.  

Welche Folgen hat es also für die darin ausgestellte Kunst, bleibt die einstige Zweckbestimmung des Ortes sichtbar? Barnaby Drabble argumentiert in seinem Essay, dass wir – anders als die Künstler der 1960er Jahre – den Erfahrungshorizont der produzierenden Industrie inzwischen längst verloren haben. Genau das aber ermöglicht es uns, die gebauten Hinterlassenschaften als spektakuläre Kunstorte zu sehen. Die die Kunst genauso dekontextualisieren wie einst der White Cube.

An der Triennale im Wallis gehen die Künstlerinnen und Künstler in Sion, Fully, Turtmann und auf dem Staudamm von Mauvoison auf diese speziellen Orte ein. So lassen uns im besten Fall die Kunstwerke die Orte neu lesen. Auch wenn im einen oder anderen Fall ein Hauch Industrieromantik weht oder der Ort die Überhand gewinnt – der Versuch ist es wert, über das Verhältnis von Kunst und Ort jenseits von Tourismusförderung nachzudenken.

 

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