Grafische Muster in schwarz und weiss ziehen durch den Hauptraum der Ausstellung. Nur vereinzelt setzen bunte Elemente Inseln zwischen die klare Linie. Fotos: © Museum für Kommunikation / digitalemassarbeit

«Sounds of Silence»

Stille ist selten geräuschlos, viel öfters laut klingend. Dies demonstriert eine Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern.

In der Ausstellung zur Stille gibt es viel zu hören. Da rauscht und dröhnt es mal rhythmisch, mal beliebig. Der Boden knarzt unter den Schritten und mischt sich mit dem Hörstück, das die Besucher aus massiven Kopfhörern durch die grosszügigen Räume führt. Je nach Tempo dauert der Rundgang durch die Klanginstallation etwa eine Stunde, jeder Besucher ist dabei individuell unterwegs.

 

Die Beiträge erarbeiten Kurator Kurt Stadelmann und Angelina Keller gemeinsam mit Hörspielautorin Bettina Mittelstrass. Inhaltlich sind sie eingebettet in das Sounddesign von «Idee und Klang». (Video: Anna Raymann)

Die Inszenierung der Stille kommt zunächst sehr reduziert daher, grafische Muster in schwarz und weiss ziehen durch den Hauptraum der Ausstellung. Nur vereinzelt setzen bunte Elemente Inseln zwischen die klare Linie. Jeder Struktur- und jeder Farbwechsel markiert ein neues Kapitel im Hörstück, lädt ein, gezielte Schritte gehend, sitzend oder stehend zu lauschen. Die Gestalter von ZMIK Spacial Design aus Basel formulieren eine pointierte Szenografie durch die sechs Ausstellungsräume. Dunkle Vorhänge aus Samt und durchlässige aus weissen Fäden öffnen sinnbildlich Türen zu neuen Themenwelten, schaffen Trennlinien und Übergänge.

Durch einen ebensolchen dichten Vorhang durchläuft die Besucherin zunächst das Intro: Ein Moment zum Ankommen auf Sitzsäcken, auf der Leinwand «rieselt leise der Schnee», während man vergisst, dass draussen noch immer Sturm Marilou braust. Im zweiten Raum erklärt eine Frauenstimme auf den Kopfhörern Effekte und Funktionen. Und dann kommt auch schon der Urknall, der nicht knallt. Die Stimme erklärt: Der Big Bang sei das stillste Ereignisse der Erdgeschichte gewesen, ganz ohne Medium, dass den Schall hätte verbreiten können. Dieser geräuschlose Knall eröffnet den Hauptraum mit seinen unterschiedlichen Stationen in variabler Reihenfolge: Die Stimme im Ohr erzählt von folternder Isolationshaft, von schweigsamen Mönchen, aber auch vom Lärm, den man zur Ruhe aufsucht. Im hinteren Teil der Ausstellung gehen links und rechts Konzertsaal und Hotelzimmer ab. Orte, an denen man zu sich kommt, in sich hineinhorchend dennoch das ungewohnte Umfeld belauscht. Aus der Ausstellung entrückt, lediglich mit farblichen Bezügen, sind beide Räume nahe an der Realität, Bett und Stuhlreihen bilden jeweils das Zentrum. Auf dem Weg nach aussen bremst der letzte Raum mit tiefer Dunkelheit. Vorhänge dämpfen die Geräusche und obwohl im Kreis sitzend, schaut der Besucher nicht zum Gegenüber, sondern geleitet von einer rauen, alten Stimme auf sich. Der Zen-Meister Niklaus Bratschen weiss vom Mut, den es zur Stille braucht, davon, dass sie heilt und verbindet, bevor seine Stimme die Gäste durch den Trubel der Dauerausstellung entlässt.

Aus der Ausstellung entrückt, lediglich mit farblichen Bezügen, ist das Hotelzimmer nahe an der Realität.

Die Beiträge erarbeiten Kurator Kurt Stadelmann und Angelina Keller gemeinsam mit Hörspielautorin Bettina Mittelstrass. Inhaltlich sind sie eingebettet in das Sounddesign von «Idee und Klang», das die Subjektivität und die Kraft der Stille zu einem dichtgewobenen Klangteppich vertont. Ein Chip im Kopfhörer verortet den Standort der Besucher, was ungewohnt nahtlose Übergänge zwischen den Installationen ermöglicht und es erleichtert, in die Geräuschlandschaft zu versinken. Die konstante Klangkulisse zwingt den Ausstellungsbesucher dazu, sich mit Ambivalenz der Stille auseinanderzusetzen. Sie verdeutlicht ihm dass Stille und Ruhe vielmehr Konzepte sind, individuell für jeden, enttarnt auch vom Marketing, das mit Ratgebern und Yogastudios sein Geld macht. «Sounds of Silence» ist effektvoll inszeniert, und steht damit der Ruhe selbst im Weg: Trotz vielschichtigen Denkanstössen, Aphorismen und kulturhistorischen Erkenntnissen, müssen die Besucherinnen und Besucher ihren eigenen Moment der Stille inmitten des Getümmels der Vorweihnachtszeit ausserhalb der Ausstellung suchen.

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