Eine von vielen Ausstellungen: Luca Zanier, Corridors of Power Fotos: zVg

Photobastei: Ausstellen im Beta-Modus

Ein ganzes Hochhaus der Fotografie, mitten in der Zürcher City - wenn auch nur für acht Monate: die Zwischennutzung verspricht eine bilderreiche Zeit. Heute informierten die Initianten über ihr vielversprechendes Projekt, das am Donnerstag eröffnet.

Im Mai 2013 erhielten die Zürcher Architekten Mépp den Zuschlag für den Umbau des Bürogebäudes, das seit 1955 so prominent am Schanzengraben steht. Nachdem die UBS aus dem von Stücheli Architekten gebauten «Haus zur Bastei» ausgezogen war, galt es die Zeit zu überbrücken, bis die Baubewilligungen vorlagen. Und zu verhindern, dass das Haus bis Baubeginn besetzt werde. Geplant ist die vollständige Sanierung der Aussenfassade, der Haustechnik inklusive eines Edelrohbaus und der Ausbau des Attikageschosses. Daniel Ménard besprach sich mit Steff Fischer, dem Spezialisten für kulturelle Zwischennutzungen, was zu tun sei. Inzwischen waren ein paar Monate ins Land gegangen, Ateliers oder Büros fielen für die zu kurze Frist weg. Mode? Architektur? Fotografie? Steff Fischer aktivierte sein Netzwerk, besprach sich mit Romano Zerbini und die Wahl fiel auf das Projekt Photobastei. Der Besitzer war einverstanden, wohl auch deshalb, weil er auf diese Weise hohe Kosten für die Bewachung des Gebäudes vermied. Im November wurde unterschrieben, die temporäre Umnutzung vom Bürogebäude in ein Ausstellungshaus inklusive Gastrobetrieb im Erdgeschoss ging schnell und unkompliziert. Inzwischen sind in den auf den Rohbau zurückgeführten Geschossen 18 Tonnen Holz verbaut, 300 Leuchten gehängt und Kilometer von Kabeln verlegt worden. 

Nun werden bis Ende August sieben der neun Stockwerke der Berufsfotografie geöffnet. In den unteren beiden Stockwerken zeigt Romano Zerbini und sein Team kuratierte Ausstellungen. Den Beginn macht Magnum-Fotograf Paolo Pellegrin mit der preisgekrönten Serie «As I was Dying». Seine schwarzweissen, grossformatigen Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten belegen, wie stark sich seine dokumentierende Fotografie, die den Auftrag zur Zeugenschaft angenommen hat, mit einer Bildfindung überlagert, die universell ist. «Der Tod des anderen bedeutet einen Verlust, der jeden Menschen angeht», lässt sich Paolo Pellegrin im Auflageblatt zitieren. Die sorgfältig gehängten Bilder gewinnen im Rohbau des einstigen Bürogebäudes eine eigene Kraft. Weitere Ausstellungen sind in Planung.

Vier Geschosse stehen Fotografinnen und Fotografen zur Verfügung, die sich für wenig Geld Ausstellungsfläche mieten und ihre freie Projekte zeigen möchten. Bis zu fünfzig kleinere Präsentationen fasst das Haus, das mehr als 15000 m2 bereithält. Jeweils Donnerstag ist Vernissagetag, auf dass das Haus belebt ist. Für die Planung und Dokumentation der Ausstellung steht ihnen die von Sascha Renner initiierte Software SandboxGallery zur Verfügung. In die virtuelle Architektur, die bis auf die Details der entkernten Räume und dem Blick durch die Fenster auf die umliegenden Bürohäuser die Photobastei simuliert, können die Interessenten ihre Hängung ausprobieren. Und ist die Schau zu Ende, können sie sie am Schluss als virtuelle Ausstellung dokumentieren. Das Programm basiert auf einer technischen Grundlage, die plattformunabhängig die Darstellung von frei navigierbaren 3D-Inhalten im Web-Browser ermöglicht. Der Beta-Release geht zusammen mit der Eröffnung der Photobastei am 16. Januar 2014 über die Bühne.

Das Projekt, das ein Bugdet von rund einer halben Million Franken hat, gewinnt seine Energie durch die knappe Zeit, die zur Verfügung steht, dem Enthusiasmus, der Risikofreude und dem grossen Netzwerk des kleinen Teams. Und vielleicht aus der Tatsache, dass dieses Haus zeigt, wie die Lücke zwischen Kunstfotografie und dem Verwertungszwang, in der die Berufsfotografie steht, geschlossen werden kann. Dass das Projekt im Beta-Modus bleiben muss und an diesem Ort keine Chance auf eine Fortsetzung hat, ist so gesehen zu verschmerzen.

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