Albi Brun stellte in Chur das Buch über seine denkwürdigen Fahrzeige vor. Köbi Gantenbein fuhr an der Vernissage mit Gesang zum Mann im Mond. Fotos: Albi Brun

Mit dem Dampfwal auf den Mond

Albi Brun stellte in Chur das Buch über seine denkwürdigen Fahrzeuge vor. Köbi Gantenbein fuhr an der Vernissage mit Gesang zum Mann im Mond.

Der Pilot lockert die Bänder seiner Kappe. Es ist eine richtige Pilotenkappe mit Schirm vorne dran und Klappen für die Ohren. Sie ist aus Murmeltierfell. Und in der Mitte blinzelt es. LED, sagt der Pilot, auch wir sind modern. Er braucht diese Kappe, denn er muss bei jedem Wetter und zu jederzeit auf der Brücke des Dampfwals stehen. Und er muss jederzeit eine funktionierende Stirnlampe haben, denn im All, wo wir hinfahren, ist es stockdunkel. Er schiebt seine Pilotenbrille auf die Stirne und schnürt die Pilotenschuhe auf.

Der Pilot ist eben zur Türe in den kleinen Saal der Klibühni hereingekommen. Er war bei Erkundungen beim Meteorologen. Die Klibühni haben wir in einen Wartsaal umfunktioniert. Wir stehen so dicht wie die Sardinen in der Büchse liegen. Es hat den ganzen Tag gewindet als seien wir schon der Stratosphäre und wir müssen auf ein Windloch warten. Wenn Andrea Zogg den Händel spielt, sind wir schon weit oben.

Um uns das Warten zu verkürzen, nestelt der Mann mit der Glatze, dem grauen Schnauz und dem weissen Hemd ein grosses Pack aus seinem Rucksack. Hört einmal, was die schreiben, in dem grossen Buch, das heute da zur Welt kommt, ruft er. «Seit fünfzig Jahren nun erforscht Albi Brun in seinem Laboratorium in der Churer Altstadt das ästhetische Potential von scheinbar nicht mehr brauchbarem Zeugs. Er bleibt dabei nicht an der Oberfläche des Brauchbaren, das allenfalls anders gebraucht werden kann, wie der Backofen als Küchenheizung, das Urinal als Kunstwerk oder ein Pavillon der Expo 1964 als Bergbahnstation der Weissen Arena. Er zerlegt Medizingeräte, Uhren, Velos, Schreibmaschinen, Waffen, Küchengeräte und so weiter in ihre Einzelteile, reinigt sie, lagert sie nach ästhetischen und konstruktiven Potentialen in hunderten Schachteln und Schubladen. Aus denen holt er sie dann an seinen Goldschmiedetisch und fügt sie zu einem grossen Chor so nie gedachter Funktionen. Uhrenrädchen werden Steuerräder, Schirmspeichen Masten und Blechverpackungen Schiffsrümpfe.» Oder eben zu unserem Dampfwal rufen wir im Chor zum Vorleser und stampfen mit den Füssen vor Erregung. So lange haben wir trocken geübt. Heute gilt es ernst.

Der Pilot zündet eine Pfeife an und kneift dabei die Augen zu. Wir husten und ein kleiner Besserwisser ruft «Fumer tu». Das ist mir gleich, knurrt der Pilot. Wer Angst hat vor dem Tod ist kein Pilot und kein Seemann. Er stösst eine grosse Rauchwolke in den Wartsaal und holt Luft: Da habe ich schon viel Wilderes überlebt als das bisschen Rauchtabak. Damals auf der Viermastbarke Pamir wütete der Hurrikan viel gefährlicher als es das Nikotin in meiner Lunge tut. Es war stockdicker Nebel in tiefdunkler Nacht und wir nahmen Kurs auf Jamaika. Die Wellen gingen meter- , turm- ja berghoch. Damals 1957. Ich aber stand im Korb und rief in den Sturm «Segel einziehen», «Luken dichten». Doch niemand hörte mich. Gut rauchte ich schon damals Pfeife und so gab ich Rauchzeichen aus dem Mastkorb. Und ich tat einen Schwur. Wenn die mich sehen, höre ich nie mehr auf zu rauchen. Und siehe da, sie begannen die Luken zu dichten, aber wir waren ja alles Matrosenschüler, ungeübt und langsam. Vor allem in diesem Sturm, gegen den der Wind hier ein Lüftchen ist. Die Pamir schlug Leck und von meinen 88 Kameraden blieben nur fünf und ich übrig. Ich schwamm nach Jamaika und dann heim nach Landquart.

Der Mann mit dem Schnauz und dem roten Lederrucksack hustet durch den vom Pfeifentabak dicken Nebel. Herrgott, und ich dachte, dieser Pilot trägt sein Seemannsgarn aber dick auf. Doch es stimmt haargenau, denn so steht es auch im Buch, das wir heute feiern und ein Buch lügt nie. Und er liest uns vor:

«Albi Brun verarbeitet mit seinen Maschinen auch ein Trauma seiner Kindheit. Schon früh wusste er: Ich werde Seemann, ich werde Entdeckungsreisender. Und dann dies: 1957 erlitt die Pamir in einem Hurrikan vor Lateinamerika Schiffbruch. Mit dem Viermaster, auf dem die Offiziere für die Deutsche Seefahrt ausgebildet wurden, gingen 80 der 86 jungen Männer unter. Dem Leben des Jünglings Albi bescherte die Havarie einen Knick im Lebensfaden. Das Ende der Pamir war das Ende der grossen Segelschifffahrt. Und so beschloss er also, nicht Kapitän zu werden, denn auf einem Dampfschiff zur See zu fahren, kam für ihn nicht in Frage. Doch die Seefahrt liess ihn nicht mehr los. Als Bub schon hatte er in den Abfallgruben der Werkstätten der Rhätischen Bahn von Landquart tausenderlei nicht mehr gebrauchtes Kleinzeugs gesammelt: Schrauben, Federn, Muttern, gedrehte, gefräste und gedrückte Eisen, Stahl- und Messingteile, die er – zeitgleich mit Jean Tinguely – zu phantasievollen Maschinen zusammenfügte. Jahre später arbeitete er das Pamir-Trauma in einem gross angelegten Projekt auf, das er mit dem Maler Robert Indermauer einfädelte: Entwurf, Bau und Ausrüstung eines Segelschiffes, mit dem sich die zwei Männer aus den Alpen zur Entdeckerreise aufbrechen wollten. Zurück blieben eine Serie Zeichnungen, detailreiche Entwürfe und das erste Modell, wie ein Luftschiff aus Schreibmaschinen, Kaffeeautomaten, Schirmen, Uhren und so weiter einst seetüchtig werden könnte – es lief nie aus.»

Bis heute Abend, ruft eine kleine Frau in einem dicken schwarzen Daunenmantel und roten Moonboots. Sie hat rote Backen und einen Teint wie eine Skilehrerin. Sie hat Augen wie Edelsteine und der Wind hat ihre sonst so wohl geordnete Frisur zerzaust. Heute Abend hebst Du endlich ab, mein Pilot, mit dem Dampfwal und dem Buch unter dem Pilotensitz, und trägste es ins All hinauf. Und ich, oh Du meine Liebe, komme nicht mit Dir, denn ich muss bei den Katzen bleiben. Wir warten auf Dich. Sehnsüchtig werden wir jeden Abend zum Mond schauen.

Nun beginnt ein lautes Jubeln und Hoch-sollen-sie-leben-Gerufe. Der Pilot ist gerührt, denn er freut sich so an der Liebe der Frau mit den Glitzeraugen. Doch in seinem Giletsack surrt ein Walkitalki: «HD 8.2-1942 on air. Es knattert: Wind good, sight clear, stars shining. Ok. Es knirscht: Boarding in five minutes. Ok. Take off in seven. Yes, everything clear». Eine dicke Frau mit singendem Akzent ruft, he, bei uns redet man als erste Fremdsprache in der Schule immer noch Rumantsch grischun und nicht Englisch. Doch dem Pilot ist der kulturelle Zusammenhalt des Kantons Graubünden im Moment egal. Er  hat jetzt keine Zeit für derlei, sonst beginnen die von Pro Idioms auch noch zu lamentieren. Er schnarrt Befehle und wir packen unsere Rucksäcke, zurren die Kappen fest, ziehen die Brillen auf die Nase und schlagen die Köpfe aneinander an, weil wir alle gleichzeitig die Schuhbändel fester binden wollen. Dann wanken wir in Zweierkolonne aus dem Wartsaal auf die Kirchgasse.

Der Dampfwal steht vor dem Museum, faucht und heult und wir hören seine Motoren stampfen. Wir wissen vom hundertmal Trockenüben im Schlaf, wer wohin muss.

Der Pilot ist fest konzentriert. Er zwinkert mit dem linken Auge und zieht an der Tabakspfeife. Das LED Licht auf seiner Kappe blinkt. Er hat in jedem Hosensack einen Computer. Er ist alles andere als ein Bastler, er ist ein Hochtechniker. Er schnarrt in einer Mischung aus Prättigauerdialekt und Vallader Befehle in den Trachter neben dem Steuerrad.

Dann geht das Windloch zu und der Föhn kommt auf. Sehr gut, ruft der Pilot, das gibt Auftrieb. Aerodynamik muss man halt können. Der Dampfwal heult gewaltig auf, der Pilot drückt einen Hebel, so dass über hunderte Rädchen, Naben und Noppen Ketten und Seile in Bewegung geraten. Mit einem gewaltigen Ruck hebt der Dampfwal ab und steigt hoch hinauf zum Bischofsschloss.

Die kleine Frau mit den funkelnden Augen steht auf dem Hof. Über ihre Backen laufen Tränchen. Sie winkt mit der einen Hand, während sie mit der andern die Katzen streichelt. Der Pilot nimmt ein grosses Nastuch aus dem Hosensack, und schwenkt es im Wind. Adieu, Adieu ruft er hinunter. Ich bin bald wieder bei Dir.

Wir Matrosen formieren uns im Mitteldeck zum Chor und singen:

Amore mio non piangere
se me ne vado via
io lascio la risaia
ritorno a casa mia

Amore mio non piangere
se me ne vò lontano
Ti scriverò da casa
per dirti che io t'amo

Mamma papà non piangere
se sono consumata
E' stata la risaia
che mi ha rovinata

Und dann verschwindet der Dampfwal langsam im Windloch, hebt auf zu den strahlenden Sternen und fährt auf den ewigen Mond, wo er dem Mann im Mond das grosse Buch bringt, das wir nun alle kaufen und Freude haben bis ans Ende unserer Tage.

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