Lectures on Global Culture - die Erste

Was ist globale Kultur? Gestern Abend fand im Toni-Areal die erste Vorlesung der Reihe «Lectures on Global Culture» statt, mit der die ZHdK die kulturelle Globalisierung zur Diskussion stellen will. Die Reihe wurde von Michael Schindhelm zusammengestellt.

Was ist globale Kultur? Gestern Abend fand im Toni-Areal die erste Vorlesung der Reihe «Lectures on Global Culture» statt, mit der die ZHdK Praxiserfahrungen und Theoriebildung der kulturellen Globalisierung zur Diskussion stellen will. Die Reihe wurde von Michael Schindhelm zusammengestellt.

Der Aufstieg über die Zufahrtsrampe in das halbfertige Gebäude ist spektakulär. Gut gefüllt der grosse Saal, der auf die Innenausbauten wartet. Viel Personal aus dem Hause, einige Zugewandte. Rektor Thomas D. Meier begrüsste, stellte das Thema vor, das für die Hochschule strategischen Wert hat und mit einem Forschungsprojekt ergründet werden soll. Michael Schindhelm, Theatermann, Autor, Handlungsreisender in Sachen Kultur und Berater der ZHdK übernahm die Einführung in das Thema der Vorlesungsreihe gleich selber. Man freute sich, weil er dafür eine hohe Glaubwürdigkeit hat. Los ging’s mit einer knappen Grundlegung der Begriffe Kultur (als Umweltgestaltung) und global (das Eindringen der grossen in die kleine Welt). Es folgte ein kurzer historischer Abriss (von der Bank Monte dei Paschi und Marco Polo über die Ausstellung Family of Man über Francis Fukuyama bis zum unvermeidlichen 9/11). Das bereitete das Terrain für einen gehetzten Ritt durch Phänomene, die der Globalisierung zugeschrieben werden können – oder auch nicht.

Zugrunde legte Schindhelm die Beobachtung, dass die Globalisierung als Krise beschrieben wird – der Kultur, der Institutionen, des westlichen Blicks. Krise als Chance? Der zweite Grundsatz: Jede kulturelle Tätigkeit beginnt mit einer Recherche. Phänomene müssen beschrieben sein, bevor etwas Neues entstehen könne. In welcher Kultur leben wir also? Schindhelm stellte die Phänomene unter acht Begriffe:

Unsere Kultur ist erstens inkommensurabel – die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen lässt sich bestens an Ländern wie Nordkorea oder Birma, in denen ein kultureller Austausch mit der Aussenwelt kaum stattfindet, im Vergleich mit Südkorea oder «dem Westen» feststellen. Zweitens Mobilität – angetrieben wird sie durch die technologischen Möglichkeiten, Distanz zu verringern: Fremdes und Eigenes vermischt sich – was einst gewollt, wird zum Übel, weil es Differenz verringert, Stichwort: alle Innenstädte gleichen sich. Drittens De-Institutionalisierung: Wer sich vernetzen will, muss nicht länger auf die Autorität einer nationalen Institution wie dem Goethe-Institut vertrauen – sondern macht es selber. Womit die Kulturdiplomatie schmerzliche Funktionsverluste erleidet. Viertens die Ubiquität – die Allanwesenheit. Schindhelm meint sie weniger religiös als wirtschaftlich und kulturell und zeigt eine sechs Jahre alte Karte von Rem Kohlhaas, der die weltweiten Filialen bekannter Architekten notiert. Ins gleiche Kapitel fallen Museumsexporte nach Dubai (Louvre, von Nouvel) oder der Auftritt von Museen, die Sammlungsstücke an internationalen Flughäfen inszenieren. – An dieser Stelle flog die Taube, die sich schon länger auf der einen Seite des Saals niedergelassen hatte, quer über das Publikum auf die andere Seite. – Weiter ging es fünftens mit der Hybridisierung, und da fiel das Zitat des Abends, leider nicht ausgewiesen: "Your imitation of my imitation of your imitation of me" – mit den immer wieder schlagenden Beispielen aus der Welt des Films und der Übernahme kultureller Stereotypen zwischen Ost und West, wie sie Jackie Chan über Kill Bill bis zu Kung Fu Panda darlegen. Sechstens folgte der Begriff Virtuelle Materialität, ein kurzer Rückgriff auf Benjamins Kunstwerk-Aufsatz und der Beobachtung, dass auch auf Youtube inzwischen eine Originalversion eines Videoclip als solche ausgezeichnet werden muss, weil auch im virtuellen Raum die Aura des Originals überlebt habe, oder so ähnlich. Siebtens: Interpassivität – das delegierte Geniessen, das Schindhelm vor allem in skurrilen Hotelinszenierungen wiederfindet, die die Alpen in die Wüste, Venedig in die Staaten oder Heidiland nach Japan verpflanzt. Eng damit verknüpft ist der lustvolle Surrealismus, der sich dergestalt ausdrückt. In der Schlusskurve, kurz vor halb acht, schrammte Schindhelm an achtens Viralität und Parodie vorbei, exemplifiziert am Gangnam Style. Erste Anzeichen von Erschöpfung machten sich im Publikum bemerkbar.

So etwas wie eine Zusammenfassung fehlte. Es sei denn, man nahm die Beobachtung dafür, wonach die Stadt heute als Labor verstanden werden müsse, in dem viele der aufgelisteten Phänomene zu beobachten seien. Verknüpft war sie mit Schindhelms Aufruf, bevor man vorschnell und aus westlichen Augen urteile, doch erst genau hinzublicken. Dubai, wo er von 2007 bis knapp vor die Finanzkrise als Kulturmanager und als Kulturdirektor der Dubai Culture and Arts Authority amtete, hätte das Beispiel sein können, an dem er diese These hätte darlegen können. Auch dafür, dass Krise tatsächlich eine Chance sein könne. Doch dafür war es zu spät. Auch für die unabdingbare begriffliche Vorarbeit, die leisten muss, wer Phänomene einordnen will. Das Publikum war schachmatt, und so blieben selbst die Fragen ungestellt, die sich geradezu aufdrängten.

Produktive Verwirrung oder Ärgneris? Die Meinungen waren geteilt, wie man am anschliessenden Apéro hörte. Immerhin: Als Auslegeordnung all der Themen, die unter dem (welchem?) Begriff der globalisierten Kultur zu diskutieren sind, funktionierte der Beitrag von Michael Schindhelm. Fortsetzung folgt.

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