Michael Braungart, William McDonough, Cradle to Cradle

Kipppunkt #09: Cradle to Cradle

Anna Blattert hat sich im Kollektiv Postfossil mit der Zukunft des Design nach dem Peak Oil beschäftigt. Michael Braungart und William McDonough öffneten ihr den Blick auf Kreisläufe.

Das Prinzip Cradle to Cradle habe ich bereits gekannt, bevor ich das Buch gelesen habe. Der Chemiker Braungart, der Pionier und feurige Apostel, und der Architekt McDonough sind damit in den Nullerjahren bekannt geworden. Gelesen habe ich das Buch wohl um 2010, in der Anfangszeit unseres Kollektivs Postfossil. Damit verfolgten wir einen gesellschaftskritischen Ansatz. Wir gingen von der Utopie einer erdölfreien Gesellschaft nach dem Peak Oil aus und stellten uns vor, wie Produkte aussehen und wie sich das Konsumverhalten verändern werde. Mit dem Schliessen von Kreisläufen haben wir uns nur indirekt befasst, indem wir nachwachsende und rezyklierte Materialien einsetzen, lokal produzieren, Transportwege kurz halten. Das basiert auf einem allgemeinen Verständnis von Nachhaltigkeit.

Cradle to Cradle geht weiter und ist absolut konsequent. Die Unterteilung in zwei Kreisläufen – einen technischen und einen biologischen – ist revolutionär: Wie müssen Produkte gebaut und gestaltet sein, dass sie in diesen Kreisläufe gehalten werden können? Einfach rezyklieren reicht nicht aus, das war der grösste Lernmoment. Allerdings habe ich Cradle to Cradle als Ansatz erst stark kritisiert, weil er letztlich einen bedenkenlosen Konsum propagiert, sobald alles kreislauffähig gestaltet ist – statt unser Konsumverhalten zu hinterfragen. Und ich hielt ein solches Perpetuum mobile einfach nicht für möglich.

Inzwischen schätze ich das anders ein. Im Prinzip hat Braungart recht. Allerdings haben wir das hohe Ziel noch lange nicht erreicht. Denn dazu müssten wir das ganze System umbauen. Ich sehe auf Projektebene, wie komplex das ist. Jedes x-beliebige Material hat derart viele Inhalts-, Zuschlagsstoffe oder Beschichtungen, dass es nicht in den einen oder anderen Kreislauf gelangen kann. Heisst: jedes einzelne Ding – vom banalen Kugelschreiber bis zur Industrieanlage – müsste umdesignt werden. Grundsätzlich ist das möglich, aber dazu braucht es enorm viel Wissen und Ressourcen.

Auch wenn Braungart als Person aneckt und provoziert, bringt uns seine Haltung weiter, davor habe ich  Respekt. Er hat viel bewegt. In der Praxis orientiere ich mich allerdings stärker an der Ellen Macarthur Foundation, auf deren Tools und Empfehlungen für ein kreisläuffähiges Wirtschaftssystem. Doch für das Design bleibt Cradle to Cradle eine wichtige Strategie, weil es auf Produkte fokussiert. Die von Braungart ins Leben gerufene Organisation EPEA hat dafür konkrete Lösungen entwickelt und zertifiziert die auch.

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