Melancholisch getränkte Eleganz: Die Guscetti-Villa in Francesco Rizzis Film «Cronofobia»

Das dritte Leben der Villa Guscetti

Cineastische Ehren für eine lange übersehene Architektur: Im neuen Schweizer Spielfilm «Cronofobia» spielt die 50er-Jahre-Villa der Brüder Guscetti in Ambri eine tragende Rolle.

Vor bald drei Jahren richtete das Nidwaldner Museum die von Marcel Just kuratierte Schau ‹Der Traum von Amerika: 50er-Jahre-Bauten in den Alpen› aus. Die eine Hälfte der Ausstellung war der Architektur auf dem Bürgenstock, die andere den Bauten der Gebrüder Aldo und Alberto Guscetti in der Leventina gewidmet. Das Werk der Guscettis – insbesondere deren Häuser entlang der Autostrasse in Ambri – stellten eine eigentliche Entdeckung dar: Jahrzehntelang übersehen oder aus dem Autofenster heraus nur flüchtig wahrgenommen, war es das erklärte Ziel der Ausstellung, «diese Architektur-Oase der 50er-Jahre wieder ins Gespräch zu bringen».

In der Zwischenzeit hat es die Villa Giovanni Guscetti, erbaut 1958 für einen Cousin an der Hauptstrasse Richtung Gotthard, zu einiger Prominenz gebracht. Zuerst als Replika im Modelleisenbahnmasstab: Da das Bauwerk als Vorbild für den beliebten Modellbausatz ‹Villa im Tessin› diente, schaffte es der charakteristische Entwurf aus zwei gegeneinander verdrehten auskragenden Kisten und mittigem Kamin vor einem Jahr auf das Cover der Publikation ‹Märklin Moderne›, welche die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum zur Architektur der Modelleisenbahn begleitete.

Noch ein Jahr später gereicht es dem Bauwerk nun auch zu cineastischen Ehren: Im Spielfilm ‹Cronofobia›, dem Regiedebüt des Tessiners Francesco Rizzi, spielt die Guscetti-Villa eine tragende Rolle. Der mehrfach ausgezeichnete Film erzählt die Geschichte zweier versehrter Seelen, deren Schicksal geheimnisvoll zusammenhängt. Da ist ein Mann und seine Schuld, dort eine Frau und ihre Trauer. Ihm gehört die Einsamkeit der Raststätten und Autobahnen, ihr die Tristesse eines vom Leben verlassenen Hauses.  Für die schwermütige Geschichte findet der Film sorgfältig komponierte Bilder, in denen sich Melancholie und Eleganz die Waage halten. Es stellt sich ein ungewöhnlicher Blick auf die gebaute Schweiz ein, stilsicher führt  die Kamera von Simon Guy Fässler Einkaufszentren, ‹myStop›-Raststätten und die Villa der Gebrüder Guscetti in einer eigenständigen Ästhetik zusammen. 

Filmstill aus «Cronofobia»

Den Guscetti-Entdecker Marcel Just wird es freuen. Vielleicht hat er auch den entscheidenden Hinweis gegeben: Der Kurator und Autor mit einem ausgeprägten Sinn für Trouvaillen (er zeichnete unter anderem für die viel beachtete Ausstellung ‹Arosa. Die Moderne in den Bergen› verantwortlich) arbeitete bis vor jenigen Jahren als Regie-Assistent beim Schweizer Film.

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