Ikone, Feindbild, Weltkulturerbe: Die Villa Tugendhat im tschechischen Brno, 1930 von Ludwig Mies van der Rohe gebaut, gehört zu den berühmtesten Häusern der Welt. (Filmstill) Fotos: Strandfilm / Pandora Filmverleih

Biografie eines Meisterwerks

Hochparterre und Emch Aufzüge organisieren am 24. November eine Matinée im Zürcher Kino Riffraff. Der gezeigte Film von Dieter Reifarth über die Architekturikone «Haus Tugendhat» (Brünn, 1930) von Ludwig Mies van der Rohe ist dabei Architekturfilm, Familiensaga und Dokumentation über die Sanierung des Baudenkmals zugleich.

Schönheit, Wahrheit, Freiheit – wir kennen die Begriffe, die zu Beginn des Films fallen. Sie stehen für das Weltgefühl der Klassischen Moderne, und das Haus, das sie beschreiben, ist ihr gebauter, idealer Ausdruck – harmonisch, künstlerisch, rein. Wir kennen auch die Einsprüche, die folgen: Kann man in einem Kunstwerk wohnen? Kaum stellte Ludwig Mies van der Rohe seine Villa Tugendhat im mährischen Brünn 1930 fertig, schon war sie berühmt und berüchtigt. Und kaum hat uns der Film ‹Haus Tugenhat› an diese Rolle der Villa in der Baugeschichte erinnert, Bilder des offenen Wohnraums mit Onyxwand gezeigt, mit verchromten Kreuzstützen, versenkbaren Glasscheiben und der halbrunden Holzwand, schon taucht er ein ins Leben dieses Bauwerks und der Familie, die es bauen liess. Grete und Fritz Tugendhat wohnten nur acht Jahre im Haus. Der Filmemacher Dieter Reifarth folgt ihnen ins Exil nach Venezuela und in die Schweiz. Die Villa war Nazi-Wohnhaus, Tanzschule, Therapiezentrum für Kinder und schliesslich Repräsentationsort von Stadt und CSSR. Und er zeigt, wie die Kinder der Erbauer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwanzig Jahre lang kämpften – für die Wiederherstellung des Hauses, das seit 2001 Unesco-Weltkulturerbe ist, und dafür, dass es öffentlich zugänglich wird, statt vereinnahmt zu werden für Werbespots, Softpornos oder schlechte Romane.Der Film ist nicht nur Architekturfilm, er ist auch Familiensaga und Dok-Film über die Sanierung eines modernen Baudenkmals. Er macht die Geschichte des Hauses spürbar, indem er ihr Gesichter gibt: Das hängende Augenlid der Deutschen, deren Eltern eine ‹Bauernstube› in die Villa einbauen liessen («Wir wollten ja drin wohnen.»). Die aufgerissenen Augen der Kunsthistorikerin, die gegen nachgemachte Stahlrohrmöbel wettert («Fiktionalisierung!»). Die geröteten Augen einer Tschechin, die an den Raum zurückdenkt, der sie a...
Biografie eines Meisterwerks

Hochparterre und Emch Aufzüge organisieren am 24. November eine Matinée im Zürcher Kino Riffraff. Der gezeigte Film von Dieter Reifarth über die Architekturikone «Haus Tugendhat» (Brünn, 1930) von Ludwig Mies van der Rohe ist dabei Architekturfilm, Familiensaga und Dokumentation über die Sanierung des Baudenkmals zugleich.

E-Mail angeben und weiterlesen:

Dieser Beitrag ist Teil unseres Abos. Trotzdem möchten wir Ihnen Zugriff gewähren. Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt – Deal?