Jakob, der Freund der Vögel

Vögel statt Häuser

Eine Moderatorin frug mich jüngst auf einem Podium: Welche Rolle spielte Architektur im Elternhaus von Hochparterres Chefredaktor? Keine. Ihn prägten die Vögel.

Architektur und Design waren in meinem Elternhaus kein Thema und spielten in meinen Jünglingsjahren keine Rolle. Wenn eine Vorprägung für das, was ich dreissig Jahre später dreissig Jahre lang machen würde, dann prägten mich die Vögel. Als Bub war ich bei den Ornithologen meines Nachbardorfes, stund um vier Uhr morgens auf, pirschte mit um vieles älteren Vogelschützern durch die Gebüsche den Vögeln nach mit Feldstecher, Bestimmungs- und Notizbuch. Tote Vögel legte ich in einen Ameisenhaufen und holte nach einer Woche das Skelett, weil es mich wunder nahm, wie Sänger innen aussehen; von vielen in der Bündner Herrschaft und im Prättigau kannte ich den Namen, die Postur und Figur. Ich hörte Schallplatten, um die Lieder zu lernen und dann im Feld deren Sänger hörend aufzuspüren. Und da der Mensch sieht, was er weiss, las ich ornitholgische Bücher und Zeitschriften. So beschäftigte ich mich statt mit Skeletten und Gesängen immer mehr mit den Lebensbedingungen der Vögel und geriet in den Diskurs um die Landschaft – Veränderung, Schutz, Pflege. Ich legte mich mit den Bauern meines Dorfes an, die, ohne viel zu denken, immer früher erstmals ihre Wiesen schnitten und so den Kibitz ausgerottet haben, oder ich engagierte mich für die Pflege von Hecken, weil dort der Zaunkönig leben konnte. Das früh erworbene Wissen blieb in meinem Kopf – ich habe eine Schwäche für Vögel, kenne viele, auch wenn ich früher viel mehr über sie wusste. Und meiner Vogelvergangenheit mute ich denn auch zu, dass sie meine Beschäftigung und mein Wissen über Landschaft, Landschaftsschutz und -politik während 30 Jahre in Hochparterre gestiftet haben.

Gärtners Knecht

Gestärkt wurden meine Neugierde und mein Wissen um Landschaft auch von meinem Jünglingsberuf. Vom neunten bis zum fünfzehnten Lebensjahr arbeitete ich in den Sommerferien als Knecht beim Gärtner Kohler in Malans. Er war einer der wenigen, die mit bio-dynamischer Methode gegärtnert haben und er war ein Vogelfreund und -pfleger. Von ihm lernte ich, dass Garten Arbeit ist. Dass vor dem ästhetischen Genuss die Produktion nötig ist. Viel später dann lieferte ich an der Universität meine Diplomarbeit als Soziologe über eine Geschichte der Landschaft im Kanton Graubünden ab und verfertigte als Radiojournalist viele Reportagen über die Landschaften des Berggebietes. 

Landschaft im Abendrot

Auf solchem Fundament beschäftige ich mich in Hochparterre seit langem mit Landschaft, Landschaftsschutz und -politik. Architektur beschäftigt mich  fait social total – ihre Könner sind Axel Simon, der Anführer des Architekturdiskurses in der Redaktion, oder Andres Herzog, der viel wissende elegante Architekturkritiker. Ob es Hochparterre schadet, dass sein Chefredakter nicht auch erster Bleistiftführer vom Kernthema des Heftes ist? Keineswegs, denn mit Rahel Marti, Werner Huber, Ivo Bösch, Marcel Bächtiger, Palle Petersen und Roderick Hönig sitzen etliche Dipl. Arch. ETH um mich herum. In meinem Abendrot als Journalist nun befasse ich mich seit ein paar Jahren intensiver damit, was ich als Jünglingsornithologe und Gärtnerknecht gelernt habe – die Landschaft ist so zu gestalten und einzurichten, dass die Vögel munter sind. Und für die Architektur fällt ab – die Liebe der Architekten zu den grossen Glasscheiben ist der Tod vieler Meisen, Spatzen und Amseln. 
 

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