Und wieder ein Requiem

Unscheinbar und exemplarisch. Eine Strasse wird völlig unnötig ausgebaut und verbreitert; das zerstört Landschaft, das frisst Land. Ein Requiem.

Ich bin wieder einmal zu spät und kann nur noch ein Requiem anstimmen auf ein schönes Stücklein Landschaft, das unsinnig zerstört wird. Der Übergang von Fläsch, meinem Dorf, nach Bad Ragaz über den Rhein heisst Gemüsebrücke. Bis 1968 musste, wer über den Rhein wollte, schwimmen oder bei Maienfeld über die Brücke. Weil die Fläscher Bauern der Armee Land auf der St. Luzisteig überliessen, bauten die Soldaten ihnen eine Strasse vom Dorf zum Rhein und eine Brücke darüber, damit sich die Bauern in den Vilterser Auen im Gemüse schadlos halten konnten. Darum – Gemüsebrücke. Strasse und Brücke waren zierlich, sie stimmten in Proportion, Form und Nutzen – auch für die Pendlerinnen und Pendler, die kommod darauf den Anschluss an die Autobahn finden.Nach der Brücke ist zur Zeit eine Baustelle. Es wird repariert. Und das heisst in Graubünden, dessen Strassenkassa prall gefüllt ist – es wird radikal umgebaut. Aus dem Strässlein wird eine doppelt so breite Strasse gewuchtet. Eine Rennbahn zwischen der Rheinbrücke und dem Dorf. Da anzunehmen ist, dass die Leute, die am Dorfeingang wohnen, ihre Gärten nicht für die Verbreiterung der Strasse hergeben werden und da auch die filigrane Brücke kaum verdoppelt werden wird, ist diese Rennbahn nur gut 400 Meter lang. Es ist ein unsinniger Strassenbau. Umso mehr als die Fläscher Bevölkerung kürzlich eine Umfahrung, die die Rennbahn hätte aufnehmen wollen, abgelehnt hat.Die Strassenbauer verweisen auf ihre Normen und murmeln Sicherheit. Doch auch alte Fläscher konnten mir nicht sagen, dass je Autos auf der alten Strasse ineinander gefahren wären. Die Postautochauffeure sind Könner und die Autofahrerinnen vorsichtig.  Das war Sicherheit. Sie verschwindet und verschwinden wird auch Landschaftsqualität. Die entsteht aus den Proportionen, nach denen ein Bauwerk in eine Landschaft gepasst wird, aus der Masstäblichkeit v...
Und wieder ein Requiem

Unscheinbar und exemplarisch. Eine Strasse wird völlig unnötig ausgebaut und verbreitert; das zerstört Landschaft, das frisst Land. Ein Requiem.

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