Uferlos, dafür mit Seeblick

«Tourismus, das weiss Gian Peider Plaz III, ist anders als zur Zeit seines Urgrossvaters, ein Boden- und Bau- und kein Gastgeschäft». Eine kurze Geschichte der Zweitwohnung in den Bergen, die uferlos gebaut wird, obschon es kein Seeufer mehr gibt.

Gian Peider Plaz sitzt auf dem Bänkli der Kirche St. Remigius und schaut aufs Dorf hinunter. Er zieht an seiner Brissago und denkt an seinen Urgrossvater. Der hatte aus dem Bauernhaus die Pension «Trais Fluors» gemacht. Ein paar Zimmer für die Fremden. Seit die noblen Herrschaften kommod mit der Eisenbahn bergwärts und sogar durch den Berg fahren konnten, kamen sie mit immer mehr Gepäck. Sie verstanden kein Romanisch, stiegen aber auf die Berge, wohin der Urgrossvater nur als Gämsjäger ging. Und weil sie es haben wollten wie zu Hause in der Stadt, hat man ausgebaut zum Hotel mit Cours d’honneurs, Salon, Zimmer auf fünf Geschossen, sogar mit Badewannen. Alles ging gut und aufwärts. Ab und zu klopfte er einen Jass mit dem Maler Giovanni Segantini. Und als dieser wieder einmal knapp bei Kasse war, beauftragte sein Urgrossvater den Künstler, für die Fremden in der Stadt schöne Bilder über die Berge und den Malojawind zu malen, damit sie Lust hatten, hierher zu kommen. Es gab bald Plakate, Postkarten und Panoramabilder, die alle vom Paradies in den Bergen berichteten. Bilder die bis heute wirken. Mit einem Baumeister, der sich im noblen Geschmack auskannte, baute die Familie das Hotel zu einem Palast um und gab so das Muster vor, das zwar nicht in die Gegend, aber umso mehr zur Erwartung der Gäste passte.Vor 50 Jahren war er, Gian Peider III., ans Ruder der Familie gekommen. Er erbte das Präsidium der Skischule und der Bergbahn und er sass im Kantonsrat. Dort half er tatkräftig mit, ein Gesetz auf die Beine zu stellen, das Stockwerkseigentum ermöglichte. Er sagte am Rednerpult im Grossratsaal, es sei profitabler mit Boden zu handeln und mit Bauen und Wohnungsverkauf Geld zu verdienen als mit kochen, kellnern und kutschern. Und er schloss: «Man muss auch uns in den Bergen Fortschritt gönnen». Alle klatschten und Gian Peider fuhr nach Hause und heiratete Luisa Ratti. Sie ...
Uferlos, dafür mit Seeblick

«Tourismus, das weiss Gian Peider Plaz III, ist anders als zur Zeit seines Urgrossvaters, ein Boden- und Bau- und kein Gastgeschäft». Eine kurze Geschichte der Zweitwohnung in den Bergen, die uferlos gebaut wird, obschon es kein Seeufer mehr gibt.

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