Der Koloss von Holligen - ein werdendes Beispiel der Klimavernunft

Postkarte Nr.30 Im Wohngebirge

Klimavernunft heisst brauchen statt zerstören. Klimaspuren inspizierte ein werdendes Wohngebirge und eine bewohnte Erdölhandlung an Berns Rand.

Wer im tiefen Keller des werdenden Kolosses in Bern-Holligen steht, die Augen schliesst und intensiv schnuppert, spürt in der Nase feinen Kakaogeruch versetzt mit Kehrichtduft. Sie liegen in der Luft, weil hier über viele Jahre die Schokoladefabrik Tobler die Ingredienzen der Toblerone gelagert hatte und nebenan die Stadt Bern ihren Abfall verbrannte. Nicht mehr gebraucht, plant die Stadt die «Siedlung Holliger»; in den nächsten Jahren soll ein Quartier zum Wohnen, Arbeiten und Leben entstehen mit 300 Wohnungen, Gerberäumen, Läden, Aussenräumen, Gärten. Das werdende Wohngebirge der Genossenschaft Warmbächli im alten «Chocolat-Tobler-Lager» ist das erste Haus des Plans, dessen Essenz architektische Klimavernunft ist: «Nur so viel abbrechen wie nötig. Aus möglichst allem, was da ist, etwas machen.» Doch die hohen Lager- und tief ins Haus greifenden Büroräume im Schokoladenklotz haben nie daran gedacht, 63 Wohnungen und etliche Ateliers ganz unterschiedlicher Art zu werden. Und wie die Architekten BHSF das Haus auf ihren Plänen komponiert haben und dessen Raumfolgen nun bauen, wird wohl manchem Genossenschafter noch spanisch vorkommen: Im Gewirr aus Säulen, Wänden, Platten und Räumen soll er ab November 21 wohnen? 

Und als sei die Idee, den Bestand zu brauchen und Neues daraus zu schöpfen, die zeitgenössische Mode schlechthin, steht als Nachtbar des werdenden Warmbächli schon ein Wohnhaus an der Bahnstrasse, das einmal eine Erdölhandlung war. Klimaspurinnen konnten inspizieren, welche guten Räume fürs Wohnen und Arbeiten werden können, wenn Architekten wie Holzhausen Zweifel im Stande sind, Möglichkeiten zu spüren, zu sehen und dann auch zu nutzen. Und sie sahen auch, dass «Weniger» nicht «Mehr» ist, wie eine Gallionsfigur der Architekten es einst zum besten gab. Machen wir es gut, so ist weniger schlicht weniger: Weniger abreissen kostet weniger Graue Energie, weniger bauen kostet weniger CO2 und alles zusammen kostet erst noch weniger Geld. Dass es dafür mehr Schönheit gibt, ist dem Können der Architekten zu verdanken und der Phantasie der Bewohnerinnen, die den Rohbau teils nach ihrem Gusto ausbauen.

Bei Salat, Chili mit Gemüse, Rot- und Weisswein und Most – danke herzlich, Warmbächler und Köchinnen für die Gabe – sprachen Klimaspurinnen: «Warmbächli und Bahnstrasse ist keine neue Erfindung. Bis zum Karrierebeginn der Konsumgesellschaft haben die Menschen immer möglichst lange alles gebraucht und phantasievoll umgenutzt. Die Wachstumsrakete redete und machte dann dieses Können und Wollen schlecht, weil es seiner Wachstumsrate im Weg stand und steht. Wie nun aber in Bern Architekten, Bauherren, Bewohnerinnen und die Stadt als Grundbesitzerin diese alte Bauernweisheit ausgegraben haben und zeitgenössisch buchstabieren, ist eindrücklich.»

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