Idylle an der Aare bei Gösgen: Haselnuss und Erle mit AKW-Turm in der Sommersonne.

Postkarte Nr. 23 Im Stromland an der Aare

Die Aare ist ein Arbeitstier im Klimawandel. Ein Wasserkraftwerk reiht sich ans andere. Und als Fossil raucht der Turm von Gösgen. 

 

25 Flusskraftwerke beuten den Zug der Aare aus. Klimaspuren ist im Stromland unterwegs und studiert, wie die Landschaft von den schnurgeraden Kanalbauten bei Aarau, im Bally Park von Schönenwerd bis nach Ruppoldingen für den erneuerbaren Strom eingerichtet worden ist. Mit auf der Tour sind auch einige Veteranen von Gösgen. Sie erzählen den nachgeborenen Klimaspurinnen im Schatten des Kühlturms von der denkwürdigsten Schlacht für den Menschen- und Umweltschutz in der Schweizer Geschichte. Im Juli 1977 versuchten 6000 Menschen das Baugelände des AKW zu besetzen. Ein Heer Polizisten aus einem Dutzend Kantone ging mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Knüppeln auf sie los. Das AKW wurde zwar gebaut – aber die Atomkraft hat sich vom brutalen Schlachtengemälde von Gösgen-Dulliken nie mehr erholt. Sie war gesellschaftlich erledigt, kaum hatte sie die ersten Megawatt fabriziert. 

Die Wasserkraftwerke formen die Landschaft mit Kanälen, Wuhrbauten, Vorländer, Auen und architektonisch bemerkenswerten Turbinenzentralen. Die Atomkraftwerke fabrizieren ihre 6000 MW scheinbar konzentriert und bescheiden auf einer Wiese hinter Stacheldraht. Doch das trügt. Für den Uranabbau werden weit weg vom Aareland in Afrika riesige Landschaften zerstört. Nur ein Promille des abgebauten radiokativen Gesteins kann genutzt werden. Und sind die Stäbe ausgebrannt, werden für die Endlager grosse Katakomben nötig. Gewinnung und Entsorgung sind enorme CO2-Schleudern. Und der Bau des Betonturms und seiner Umgebung ist mit seinen tausend Tonnen Beton auch nicht ohne. «Atomkraft ist CO2-neutral» – das ist eine Lüge. Unter dem Strich ist die CO2-Bilanz der AKW klimakatastrophal. Klimaspurer zotteln auf dem Pfad zwischen AKW und Aare und sehen, wie der Wasserstand nach den Wolkenbrüchen und der Schneeschmelze eine Handbreite unter die Uferkante reicht. Sie denken an das Hochwasser von Fukushima und lassen sich von den Beschwichtigern nicht trösten: «Nein, bei uns in der Schweiz nicht. Nie. Alles ist unter Kontrolle.» 

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Kommentare

Yves Deluz 25.06.2021 15:38
Es sind ja nicht nur die CO2-Emissionen, die entgegen anderslautenden Aussagen bei der Atomkraft auch anfallen (adäquate Definition der Systemgrenze lässt grüssen). Atomstrom ist auch in energetischer Hinsicht unsinnig, weil er über alles gesehen ein Verlustgeschäft ist. Die Norm SIA 380:2015 weist in Tabelle 8 für inländisch produzierten Atomstrom einen Primärenergiefaktor nicht erneuerbar von über 4 aus. Wir wenden also bei Atomkraft über 4 kWh nicht erneuerbare Primärenergie auf, um 1 kWh Endenergie zu erhalten. Dummerweise merken wir das im Alltag nicht. Aber wenn ich zur Bank ginge und dort 1'000 Franken bringe und die Bank sagt «Vielen Dank, für die Verwaltung dieses Betrag stellen wir Ihnen 4'000 Franken in Rechnung», dann würde sich jeder an den Kopf greifen. Und die Leute reissen sich ja die Haare aus wegen der Nullzinspolitik, die wir seit Längerem haben. Es wird gewerweisst, wie und wo man sein Geld noch anlegen kann, um ein bisschen Rendite zu erhalten. Wenn wir als Gesellschaft beim Atomstrom so rational und unmittelbar analysieren würden, müssten die Atomkraftwerke seit 30 oder mehr Jahren stillgelegt sein. Dummerweise scheint es aber in der breiten Bevölkerung noch nicht angekommen zu sein, dass die Atomkraft auch energetisch ein Verlustgeschäft ist.
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