Hochparterres Chefredaktor Köbi Gantenbein.

Kulturpolitik und Baukultur

In Chur fand kürzlich das Fest der Baukultur satt. Zwölf Stunden Landschaft und Architektur. Politik kann von Baukultur die Güte des Ortes und die Weltluft lernen.

Arbeitsgruppen, Gesprächsrunden und Kommissionen entwerfen zur Zeit das Konzept für die kantonale Kulturförderung des Kantons Graubünden. Es wird, ruhend auf dem Gesetz und der Verordnung eines der Geländer sein, entlang dem die Regierung Gelder für Kunst und Kultur spricht – oder verweigert. Anregungen für solche Politik, gab das Fest der Baukultur, zu dem der Bündner Heimatschutz kürzlich ins Gewerbeschulhaus nach Chur eingeladen hat. Im Zentrum kantonaler Kulturpolitik stehe die Lust auf Ort und Weltluft. Das ist über weit über Graubünden hinaus vor allem für ländliche Kantone bedeutend.

Das Gewerbeschulhaus von Chur ist bemerkenswerte Baukunst. Vor 50 Jahren bald hat Andres Liesch diese wuchtige Betonplastik in die Neustadt gestellt. Weltluft, kein Säuseln mit regionalen Traditionen; sorgsam aber das Fremde in eine vorhandene Nachbarschaft gebracht. Der Architekt hat mit Frei- und Aussenräumen einen markanten Ort geschaffen und ihn geknetet bis ins kleine Detail – der Wille zum Gesamtkunstwerk von der Grossform bis zum Möbeldetail berührte die Gästeschar, die durchs Gebäude spazierte. Die Komposition von Beton, Holz und der Farbe blau, die Fuge der Gänge und Räume  geben dem Ort Eigenart – nur mit dem Sonnenlicht wollte Liesch in diesem Haus nicht Freundschaft schliessen. Seine moderne Form war fremd und hat ihn ungemein bereichert. Andersherum, Kulturpolitik kann von der Baukultur lernen, das künstlerische Wollen und Können eines Projektes, die so nur an einem Ort möglich ist, hoch zu achten. Sie soll bei aller Liebe zum Ort und der Tradition, vorab Weltluft fordern und fördern.

Der rote Faden durch die Präsentationen, Vorträge und Gesprächsrunden hiess denn auch Erkundung von Ort und Eigenart – und je nach dem ihre Verbesserung. So ist der handfest bodenständige Ort der Daseinsgrund von Christian Aubry, Meister des Kalks aus Ilanz, und von Johannes Wetzel, Brenner des Kalks aus Sent sur En. Ihr Material ist der Stein, grosse Mocken, die sie  nach Chur schleppten, um zu erklären, wie mit Ortsgrund Kalk gebrannt und als Schutz und Dekoraktion in und auf Häusern angebracht wird, ihnen Eigenart gebend. Andersherum – Kulturpolitik tut gut daran, mit öffentlichem Geld Produktionen zu fördern, die es mit dem Ort ernst meinen, seine Geschichte verstehen und seine Zuversicht in die Welt zum Klingen bringen. Also  Kunst und Kultur zu fördern, die vor Ort produziert wird, im Ort verankert, ihn bereichernd, aber offen sind für die Welt und in sie hinaus wollen. Konzerte für den Kulturkonsum, die in Zürich ebenso zu hören sind, gehören nicht dazu, Theater, das in Basel besser gespielt wird, gehört nicht dazu, Ausstellungen, die das Kunsthaus Bregenz besser macht, finden besser dort statt. Natürlich kann jeder machen, was er will – aber es ist nicht Aufgabe der öffentlichen Kulturpolitik alles zu fördern. Sie beschränke sich auf den Ort und die Welt.

Ein nächtliches SMS liess Ludmila Seifert, die Geschäftsführerin des Heimatschutzes, schlecht schlafen, am andern Morgen hatte sie das Fest der Baukultur entworfen. Eine Idee gab die nächste. Ein ungefährer Plan wurde Form und schliesslich beschwingter Diskurs mit Reden, Fotografien, Musik, Exkursionen, Zusammensitzen, Schwatzen, Essen und Trinken. Das Baukulturfest von Chur war Lust am Zufall, Neugier auf Wissen und Freude an der Geselligkeit. Andersherum – Kulturpolitik tut gut daran, das Machen und die Phantasie zu ermutigen – spontan, risikofroh und mit Freude am Zufall. Alle Politik sollte das tun, Kulturpolitik noch ein bisschen mehr.

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