Jakob sprach zur Fotografie im Prättigau und in Davos

Im Bildergedächtnis des Prättigaus

In Grüsch im Prättigau zeigt die Linsenshow 19 das Bildergedächtnis eines Tals vom Eisenbahnbau bis zur Erfindung des schönen Berges. Jakob hielt die Festrede.

Frau Mischol führte einen Laden am Hauptplatz von Schiers, zwei Schaufenster und in der Mitte eine Türe. Trat ich als Bub ein, klingelte ein Glöcklein. Frau Mischol kam herbei und ich stand mit ihr in ihrem Bilderladen: Postkarten, Panoramen, Bücher und Fotoapparate. Ihr Schwiegervater Domenic war in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ins vordere Prättigau gekommen. Als Lehrer an die EMS nach Schiers. Er traf dort Christan Meisser aus Schuders, den Fotopionier des Prättigaus und wurde selber einer. Sein Sohn Paul wurde auch Fotograf und Postkartenverleger. Er starb bevor ich bilderneugierig wurde. So war seine Frau die erste Meisterin der Fotografie, die ich kennen gelernt habe, wenn ich bei meiner Grossmutter zu Besuch war. Als Frau Mischol alt wurde, schloss sie den Laden zu. Ihr Haus gibt es nicht mehr. Nun sind Mischols Bilder wieder einmal im Rosengarten, dem Kulturhaus in Grüsch, zu sehen. Hedi Senteler hat dort die «Linsenshow 19» eröffnet. Das ist eine Fotoschau, die von Grüsch über die Dörfer bis nach Davos an 16 Stationen das Bildergedächtnis des Prättigau und von Davos zeigt.

Das Paradies auf Zeit

Dass die Fotografie in Graubünden populär geworden ist, hat mit einer zweiten, weit reichenden Erfindung des 19. Jahrhunderts zu tun. 1853 reiste Alexander Spengler im Schneegestöber durchs Prättigau Davos zu. Der politische Flüchtling aus Deutschland war als Landarzt nach dort oben unterwegs und er wurde einer der Pioniere der sagenhaften Geschichte des Kurwesens und des Fremdenverkehrs in Graubünden, die innert weniger Jahre aus kleinen Orten wie Davos mondäne Städte machte. Zuerst kamen Kranke fürs Gesunden und bald Tausende Gesunde für Erholung, Ferien und Freizeit. Für sie wurden in Graubünden hoch oben in den Bergen Paradiese auf Zeit eingerichtet. Die Ferienorte hatten einen immensen Bilderbedarf und die Fotografen, nicht die Maler, stillten ihn. Kaum eine Region in der Schweiz kannte eine so grosse Dichte an Fotografen wie Graubünden mit seinen Kurorten. Ein gutes Dutzend geschäftete allein in St. Moritz, ein halbes Dutzend in Davos, auch in Klosters, Arosa, Flims und Scuol gründeten Fotografen ihre Ateliers – und eben in Schiers. Zu tausenden entstanden Postkarten und Panoramen für die Gäste, die damit denen, die zu Hause blieben, von ihrem Gesunden oder ihren Ferien berichteten. Bald war die Technik soweit, dass grosse Formate die Bilder aus den Bergen in die Städte tragen konnten und es nahmen auch die Kurdirektoren die Dienste der Fotografen in Anspruch. Ihre Bilder riefen von den Plakatwänden und -säulen in den Städten: «Kommet her, erholet Euch, lasset Eure Sorgen zu Hause, habet es gut im Paradies auf Zeit». So haben die Fotografen sich auf das Schönbild vom Prättigau und Davos spezialisiert.

Das dauerhafte Schönbild

Es ist eine Eigenart der Kultur- und Kunstgeschichte, wie das Schönbild die 150 Jahre frisch und gut überdauert hat, in denen die Menschen die Welt auf den Kopf gestellt haben. Ja mehr noch – es ist wunderlich, wie heute mit denselben künstlerischen Motiven dieselben Bildkompositionen und -stimmungen variiert werden, die Domenic Mischol und seine Kollegen vor hundert Jahren schon eingerichtet haben. Die Referenzen vieler grosser Fotografen von heute, die Hedi Senteler zu Linsenshow geladen hat, sind die Schönbilder von damals. Und diese Schönbilder von Davos und dem Prättigau dienen auch tausenden Amateuren als Vorbilder für ihre Bilder, die sie der Welt heute schenken via Soziale Medien. Neulich schaute ich noch kurz nach: 15 016 Beiträge zum Prättigau sind auf Instagram gelagert, und das sind sicher 15 000 Bilder vom Schönprättigau. Und in 10 000 Bildern entdeckt man das Auge, das Domenic Mischol und Christian Meisser fürs Prättigau erfunden haben. 

Wenig Strasse, viel RhB

Das 19. Jahrhundert hat nicht nur die Fotografie ermöglicht; das 19. war auch das Jahrhundert der schweren Techniken. 1860 erst löste die Kantonstrasse durch das Prättigau nach Davos die Wege und Saumpfade ab, die seit Jahrhunderten das Tal mit der Welt verbunden hatten. War Alexander Spengler von Landquart nach Davos noch neun Stunden auf abenteuerlichem, schmalem Weg unterwegs gewesen, so dauerte die Reise nun drei bis vier Stunden, je nach Wetter. Es gibt wenige Fotografien über den Bau dieser «Hauptstrasse 28». Anders nach 1890, als die erste Eisenbahn von Landquart nach Davos fuhr. Die Erschliessung der Schönlandschaft Prättigau und Graubünden wurde für sechs Generationen von Fotografen ein beliebtes Motiv. Und zwar für die Profis wie für die Amateure – keine Installation im Kanton ist derart oft abfotografiert worden – und wird so häufig abfotografiert – wie die Brücken, Trassen und Fahrzeuge der RhB. Beeindruckt von der zeitgenössischen Infrastruktur sind auch die Fotografien des Künstlers Ernst Ludwig Kirchner, der in Davos in den Zwanziger und Dreissiger Jahren zahlreiche Fotografien in der Art seiner Kollegen in den vom Fortschritt und Elend sirrenden Grossstädten machte – vermeintlich schiefe Bilder, die mit grossem bildnerischem Können die Wucht die Strassen von Davos aufs Bild bringen. Er ist auch Gast der Linsenshow. Und zu den Künstlern aus der vergangenen und weiten Welt lud Hedi Senteler Künstlerinnen aus dem Tal: Vrena Mathis aus Klosters widmet ihre poetischen Bildern dem Abfall und anderem Rest, den die Technik im Tal zurücklässt. Die Gebrüder Giger aus Seewis tauchen mit ihren Filmstills tief in die soziale Gegenwart ein und das Bilderkollektiv Projektil spielt heiter mit Scherenschnitten der Künstlerin Monika Flütsch aus St. Antönien über Sagengeschichten aus der das Tal so prägenden Kultur der Bauern. Der auch mit St. Antönien verbundene Fotograf Kaspar Thalmann stellt seine Bilder von Lawinenverbauungen sinnigerweise bei einem Betonwerk aus, von wo vor 50 Jahren die Elemente tonnenschwer auf den Berg hinauf gehievt wurden. Die vielfachen Verbindungen von Welt, Geschichte und Tal und Davos ist eine der Schönheiten der Linsenschau.  

Prättigau – ein Kulturtal

Davos ist seit über hundert Jahren ein Merkpunkt der Kultur und Kunst von internationalem Rang. Das wissen wir alle. Aber auch das Prättigau war immer schon ein Tal vielseitiger Kultur. Wir haben «ünschi Schprach». Die EMS in Schiers ist seit über 100 Jahren ein weit leuchtendes Kulturzentrum – ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich dort nicht den graden Satz hätte lernen dürfen. Wir haben «Ünschi Zytig», die gedeiht in der ächzenden Zeitungswelt. Der Chor der EMS von Martin Zimmermann und Rolf Raubers Chöre sind grossartig. Die Tastentage immer ein Ereignis. Die Musikschule ein Segen. Die Alpameitja sind eine flotte Kapelle und Hitsch Auer ein Kultur-Internationalist, das Ziller- und unser Tal phantasievoll verbindend. Auch die Bildkultur im Tal ist geschichtsreich und lebhaft. Ich denke an die leider etwas vergessene Malerei von Georg-Peter Luck aus Klosters einst, ich denke an das Künstlerpaar GerberBardill heute, ich denke an die aufgeweckten St.Antönier, die eben Bilderschau von hohem Karat in ihrem Heimatmuseum eingerichtet haben. Und nun also – die Linsenshow, die das Fremde mit dem Einheimischen verbindet und es an 16 Stationen vor Ort von Seewis bis Davos zeigt, den Weltkulturort mit dem Tal verknüpfend und Bilderwelten feiernd – flott so. 

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