Köbi Gantenbein, Hochparterres Chefredaktor.

Grossvaterlandschaft

Eine Meditation vor dem zerrütteten «Hotel Lischana» von Scuol. Es gehört zu meiner Grossvaterlandschaft.

 

Mein Grossvater war Schreinermeister in Jenaz im Prättigau, dem Tal im Norden hinter dem Flüela- und Vereinapass. Als Bub begleitete ich ihn auf den Holzhandel nach Ramosch, Remüs wie er sagte. Wir mussten um sieben Uhr auf den Zug und fuhren mit der RhB via Chur übers Albulatal nach Samedan und Scuol. Dreimal umsteigen auf je einen andern Zug und in Scuol noch aufs Postauto bis wir in Ramosch bei meines Grossvaters Holzhändler waren. Nach dem Zvieri in der«Post» ging es wieder heimwärts. Übernachtet haben wir auf dem Rückweg im «Hotel Lischana» in Scuol, weil Grossvater hier einmal Arvenmöbel liefern konnte. Angeschrieben war es in seiner Glanzzeit vor hundert Jahren in Fraktur – dann ging es nieder. Sein Aufschwung liess die Geschichte stehen und malte die Zuversicht mit breit gesperrten Versalien aus einer Groteskschrift auf die Fassade – Fortschritt, Zukunft, Tea Room. So kannten es mein Grossvater und ich. Eine nächste Hoffnung versuchte es mit neuer Aluminium-Glastüre und der Schrift senkrecht auf blutrotem Grund – ganz im Trend der fernen Stadt. Obschon alles da ist: Ein Haus, gut geraten mit vielen schönen Details, ein Pärklein, ein Parkplatz, eine Busstation, Bahnhofsnähe, und gelegen am Stradun, der Hauptstrasse von Scuol, musste es ermatten.

Das Hotel «Lischana» in Scuol (Foto: Jaromir Kreiliger)

Heute dauert eine Fahrt von Jenaz nach Lavin 49 Minuten, denn seit 1999 ist der Vereinatunnel der RhB eröffnet. Jede Stunde verkehrt vom frühen Morgen bis in die Nacht ein Schnellzug in beide Richtungen, dazu immer wieder einer, der ins Oberengadin fährt und je nach Aufkommen zwei bis vier Autozüge pro Stunde. Im Unterengadin von Zernez bis Tschlin leben gut 8000 Einwohnerinnen und Bewohner. Sind wir grosszügig und nehmen die Feriengäste, die Grenzgängerinnen, die Samnaunerinnen und die Bewohner der Val Müstair dazu, so kommen wir auf 12 000 Menschen. Für 812 Millionen Franken haben die Auswärtigen ihnen eine Verbindung mit der Welt gebaut. Die Schweiz hat für die Solidarität über Räume ein Räderwerk eingerichtet, das nach 1930 die gesellschaftlichen und kulturellen Zentren mit den Ansprüchen der vielgestaltigen Randregionen im Jura und in den Alpen zu verbinden begonnen hat – eine Raumpolitik, wie sie keines der Länder rund um sie kennt, geprägt vom Service Public, nicht von der Profit- und Marktwirtschaft. Mich beeindruckt, wie die Generationen meines Grossvaters und meiner Eltern dieses Räderwerk mit Bauten wie dem Vereinatunnel geölt hat und wie wir es am Laufen halten.
 

Angeschrieben war das Hotel in seiner Glanzzeit vor hundert Jahren in Fraktur (Foto: Jaromir Kreiliger)

Ich sitze im Schnee vor dem «Piz Lischana». Und ich stelle mir vor, die Kellnerin brächte einen Tee aus dem Tea Room. Um mich herum schwärmten braungebrannte Herren in gelben Pullovern und elegante Damen mit lackierten Haaren und schwarzen Keilhosen. Das Unterengadin wäre ohne Vereina nicht ermattet wie das «Piz Lischana», dafür hat es zu viele Untergänge überlebt. Es wäre eine Insel in den Alpen. Es lebten 3000 Menschen hier ihre eigene Zeit mit Flächenbeiträgen, Kantonsstrassen, Spital und demselben Preis für den Liter Milch im Coop wie die Zürcherinnen und Churer ihn bezahlen.

Natürlich bin ich melancholisch, dass die Enkel von heute die langen Reisen mit ihrem Grossvater nicht mehr machen. Aber es liegt mir nicht, der Idylle der langsam wuchernden Wildnis zu trauen oder dem Bild der Insel, die alle verlassen, so schnell sie erwachsen werden. Und ich habe Mitleid mit dem Hotel, untergegangen wie so viele im Tal. Das ist keine Zuversicht für die Alpen als Lebensraum. Mich beeindruckt die Phantasie von Tatkräftigen in Gewerben, Künsten, Hotels und digitalen Geschäften im Unterengadin, die eine Renaissance ihres Tales wollen. Mir gefällt die Anstrengung des Staates und der Gesellschaft, die sie stützen – die Solidarität von ils quals da la bassa. Und ich wundere mich immer wieder, wie im Gegenzug die Leute in diesem Tal politische Vorlagen an der Urne ablehnen, die Solidarität mit sozial Benachteiligten anderswo im Land wollen, mit Geflüchteten und Gestrandeten zum Beispiel. Oder wie sie die Aufbrüche des Tals nach aussen, so wie der Vereina  ihn ermöglicht hat, in Volksabstimmungen abschmettern. Das Sein, nicht seine Geschichte, prägt das Bewusstsein.

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