Mit der Rock n’Roll-Suite «Fame and Fortune» hat Hochparterre im Kirchner Museum den neuen Architekturführer zur Stadt in den Alpen präsentiert.

Fame and Fortune in Davos

Mit der Rock n’Roll-Suite «Fame and Fortune» hat Hochparterre im Kirchner Museum den neuen Architekturführer zur Stadt in den Alpen präsentiert.

Der grosse Saal im Kirchner Museum. Links eine grosse Bergfotografie von Hans Danuser, rechts die Fotografie einer Alp von Ernst Ludwig Kirchner. Alle Stühle besetzt. Vorne wartet die Kapelle von Luigi Panettone. Die Kapelle eröffnet die Rock n’Roll-Suite «Fame and Fortune», in deren Libretto Köbi Gantenbein die Geschichte der Stadt Davos, ihrer Kultur, Wirtschaft und Architektur zum besten gibt. Als Gabe zur Vernissage des Architekturführers «Bauen in Davos».

Köbi Gantenbein bedankt sich bei seinen Mitautorinnen und Mitverlegern.

Luigi zählt an und singt mit dunklem Timbre «I got lucky». Applaus, Applaus. Dann steht Gantenbein als Erzähler zu ihm und hebt an:

Alexander Spengler schlägt mit der linken Faust den Takt auf den Holmen des Pferdeschlittens, mit dem er durchs Prättigau reist. Jawoll: «I got lucky», trällert er zur Musik, die aus dem stockdicken Nebel beim Fuchsenwinkel hinter Schiers tönt. Es ist Winter 1853. Bitterkalt. Spengler hatte Glück, der Turner, Fechter und Revolutionär floh vor dem gescheiterten Aufstand in Deutschland nach Zürich, wo er Arzt studierte. Bald wird sein Schlitten vom Wolfgang hinunter nach Davos stieben. Dort oben will er seine Stelle als Davoser Landarzt antreten.

Bald entdeckt er, wie günstig das Klima auf Tuberkulosekranke wirkt und wie Luftdruck, Sonnendauer und Sonnenkraft die todbringende Krankheit heilen können. Zusammen mit Milch und Veltliner-Wein. Die Lungenkranken kommen denn auch zahlreich. Sie brauchen in der schnell wachsenden Stadt der Hoffnung Häuser, Wohnungen, Zimmer, Konversations- und Speisesäle, Liegebalkone, Spazierwege, Läden, Buchhandlungen, Zeitungen, Trinkstuben und einen neuen Friedhof, da trotz der Hoffnung viele Kurgäste sterben. Der Bauboom auf 1500 m ü.M. macht innert weniger Jahre aus dem Dorf eine Stadt. Völlig fremde Architektur, in keiner Art und Weise der Tradition der Bergbauern angepasst, ihre schwarz gebrannten Holzhäuser verschwinden hinter Klötzen und Klumpen. 1860 leben in Davos 1700 Menschen, 1910 sind es fast 10 000. Städtebaulich und architektonisch wird Davos ein fröhliches Babylon.

Zusammen mit Willem Jan Holsboer, Hochseekapitän und Bankier, baut Alexander Spengler 1866 das «Curhaus› im «Schweizerstyle». Es brennt ab. Dessen Nachfolger wird Davos’ erstes «Hôtel de Luxe» – ein grosser Klotz mit Flachdach, angelehnt an die Kolossalarchitektur von Paris, St. Petersburg, Berlin. Man riecht Weltluft im Gebirge. Das «Curhaus» an der Promenade ist über ein halbes Jahrhundert das gesellschaftliche und ökonomische Zentrum von Davos mit Gesellschaftssälen, Orangerie, Speisesaal für 200 Gäste. Holsboer und Spengler nehmen vorweg, was heute «Resort» heisst: ein mit dem Palast teils unterirdisch verbundenes Ensemble aus sechs Villen und vor dem Hotel eine «Wandelbahn für die Curanten» samt Garten. Und Säle für Theater, Spiel und Konzert gibt es auch. Ein eigenes Orchester spielt fast fünfzig Jahre lang – kein anderes spielte in Graubünden so lange. Die Musiker spielen zum Tee am Nachmittag leichtes Gesäusel und am Abend schwere Symphonien. So wird in Davos eine Musiktradition begründet, die bis heute weiter geht, mit Jazz- und Klassikfesten von hohem Rang.

Alexander Spengler trippelt durch die Februarnacht, sternenhell, klipperkalt. Er hatte einen strengen Tag, Verhandlungen mit den Kapitalgebern aus Basel, verzweifelte Kranke, Sitzung mit der Regierung. Er sitzt in die Bar seines «Curhauses». Er zündet eine Zigarre an und ruft: «Einen Cognac, Annemarie». Sein Enkel Luigi Panettone, Sohn einer unehelichen Tochter, die er als Revolutionär einst in Baden-Baden zeugte, ist mit seiner Kapelle im Kurort zu Besuch. Und er spielt für seinen Grossvater das Gutenachtlied vom blauen Mond, der langsam über Davos in den sternentrunken Himmel sinkt.

«Bluemoon»

Luigi und die Kapelle spielen «Bluemoon», eine Herzschmerz-Ballade grosser Güte. Tränen fliessen, Herzen schmelzen. Applaus, Applaus. Der Erzähler erzählt weiter:

Manchen Abend noch sitzt Alexander Spengler in der Bar des Curhauses, um die so lebenspralle Musik seines Enkels zu hören. Denn er ist nicht auf gleichem Fuss mit seinem Arztkollegen Karl Turban, der schreibt: «Fiebernde und Blutspuckende werden in Davos auf Bergspaziergänge geschickt. Bei den Bierkonzerten singen Kehlkopfkranke nach Kräften mit. Bei Festlichkeiten in den Hotels tanzen schwerkranke Herren und Damen in betrunkenem Zustand – und die Ärzte schauen zu.» Turban will diszipliniertes Leben im geschlossenen Sanatorium. Und er hat dafür eine eigene Architektur entwickelt. In einem Riegel stehen die Patientenzimmer auf mehreren Geschossen übereinander. Auf ihren Balkonen liegen die Kuranten in Stühlen aus Bambus, eingewickelt in zwei Wolldecken. Stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang. Am Ende des Riegels steht das Wohnhaus des Arztes, der auch Oberbefehlshaber der Klinik ist. Von der Sonne abgewandt sind seine Untersuchungszimmer und die Hauswirtschaft – Küche, Speisesaal, Lingerie – und zu hinterst die Kapelle mit der Leichenhalle. Um das Haus ist ein Garten mit Spazierwegen. Ein strenger Fahrplan befiehlt die Liegekur, Diät die Küche. Bald wird das Sanatorium das Bild der Stadt Davos ebenso prägen wie das Leben der Kuranten, nur noch im Gefängnis fanden Architektur und Disziplin so zusammen wie bei dieser Erfindung.

Doch es wird bei weitem nicht nur so gelebt, wie der strenge Turban es verlangt. Denn wer in Davos ist, weiss nicht, ob er in den Himmel kommt oder nach Hause kann. Luigi weiss das von seinem Urgrossvater und er macht die letzte Lust der Kranken zu seinem Geschäftsmodell. Wenn Turban den Schlaf der Gerechten schläft, pfeift er mit zwei Fingern, die Kuanten schieben die Davoser Stühle beiseite, die Kurantinnen schlagen sich aus den Decken und Luigi zählt an: 1,2,3,4 ....

«Hound Dog»

Die Kapelle spielt «Hound Dog» und Luigi wird vom Balladen- zum Rock n’Roll-Säger. Die Füsse der Gäste scharren auf dem Parkett, die Köpfe wippen. Applaus, Applaus. Köbi Gantenbein steht wieder auf:

Luigi Panettone und seine Musikanten, die Baumeister, Architekten, Ärzte, Buchhalterinnen, Köche, Zimmermädchen – hunderte kommen nach Davos, um die die Stadt am Laufen zu halten. Sie brauchen Zimmer, Baracken, Wohnungen. Und bald gibt es nebst den Sanatorien auch Hotels und Pensionen, dazu zahlreiche Fremdenzimmer bei Einheimischen. Auch wenn in etlichen der Hotelbetten Kranke auf Gesundheit hoffen, steigen immer gesunde Leute ab. Sie halten ihre Körper und Seelen mit Spazieren, Schlitteln, Schlittschuhlaufen, Bergsteigen, Skifahren und Golf- und Tennisspielen gesund. Sie haben etwas völlig Neues erfunden: «Ferien machen!». Zuerst tun das die Reichen. In langwierigen Kämpfen setzen die Arbeiterinnen und Arbeiter die 48 Stundenwoche durch, langsam werden Ferien für alle Sitte und Brauch, so dass auch Herr und Frau Meier samt Kinderschar ins Gebirge aufbrechen können. Auf die Ferienfreude antwortet die Architektur von Davos mit einer kostengünstigeren Organisation von Räumen und Diensten. Was den reichen Leuten das Hotel war oder allenfalls die Villa ist ihren Nachfolgern die Ferienwohnung. Selber kochen statt dinieren, selber putzen statt sich bedienen lassen, im Pyjama auf dem Sofa lümmeln statt elegant im Salon auftreten. Die Ferienwohnung ist aber auch eine Investition. Sie nährt eine Seilschaft aus Bodenbesitzern und Bodenhändlern, Architekten, Advokatinnen, Gemeindekassierern, Baumeistern und Handwerkern. Und auch die Stadt verdient mit an Liegenschaften- und Handänderungssteuern. Die Zahlen sind eindrücklich: 1950 gab es in Davos 858 Betten in Ferienwohnungen; 1960 waren es 4500, 1985 13 000 und 2015 hat Davos 56 Prozent Zweitwohnungen.

Architektonisch prägt die Ferienfreude Davos in der Menge, nicht in der Eigenart wie die Tuberkulose dies getan hat. Die Ferienwohnungs-Häuser entstehen im gängigen Stil nach den Musterbüchern der jeweiligen Mode. Viele sehen aus wie ihre Brüder in der Agglomeration. Einige probieren architektonische Purzelbäume mit viel Glas, komplexen Plastiken als Fassaden und auffälliger Farbe. Das Meisterstück der Ferienarchitektur aber kommt noch aus der Krankenstadt: Das Hotel Belvédère – es war immer Hotel, nie Kurhaus. Neuere Hotels tanzen den Lederhosen-Walser-Tiroler-Stil oder sie machen ungestüm visuellen Krach wie seit ein paar Jahren das Goldene Ei in der Stilli. Die Architekten haben für die Kur einen Bautyp entwickelt, der die klimatischen Bedingungen, die medizinischen Anforderungen und die Ökonomie miteinander verbunden hat und der bis ins Detail sorgfältig gedacht und gemacht war. Das goldene Ei dagegen steht so wie seinesgleichen überall in der Welt von Dubai bis Shanghai herumsteht – und verloren wackeln leere Luxuswohnungen an seinem Fuss den Takt. Denn Luigi Panettone hat Mitleid und spielt ihnen zum Trost die Hymne an die verbleichende und dennoch eines Tages erfüllte Hoffnung.

«One Broken Heart for Sale»

Die Kapelle spielt «One Broken Heart for Sale». Ach wie schwelgen die Gäste mit. Wie hoffen sie, alles werde gut. Applaus, Applaus. Der Erzähler berichtet weiter:

Die Erfindung der Ferien, die Übung des Körpers mit Sport und Spiel ist eine Zuversicht für die Stadt Davos, denn schon als Karl Turban sein erstes Sanatorium eröffnet hat, erfindet Robert Koch eine Medizin, die die Tuberkulose heilen wird. 67 Sanatorien und Kurhäuser mit Dependencen zählte Davos am Ende des 19. Jahrhunderts. Ihr Niedergang und Umbau setzt nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Aus Häusern wie der «Schatzalp», dem «Waldsanatorium» oder dem «Albula» werden Hotels. Andere nicht mehr gebrauchte Heilstätten bleiben Krankenhäuser mit neuer Aufgabe. Etliche werden Brachen. Goldgräber übernehmen die Sanatorien mit ihrem Umschwung, verzieren diesen mit Zweitwohnungen den alten Häusern die Luft nehmend. Exemplarisch dafür ist die Brache der Alpinen Kinderklinik mitten in Davos, der 2010 der Schnauf ausging. Jetzt sind dort Mietwohnungen statt Arzthaus, Zweitwohnhäuser statt Umschwung. Die Klinik steht noch, Pauschaltouristen beleben sie. Ihr Schicksal ist offen. Die Spekulation treibt das grosse Bauerbe vor sich her. Was tun damit? Zweifel sind nicht angebracht, denn Davos hat sich schon aus anderem Kummer selber herausgehoben.

Alexander Spengler, der Pionier von Davos, war ein Mann der Revolution und des Fortschritts. Zeit seines Lebens hat er sich auf Wandel eingerichtet, wurde Krankheitsunternehmer, Hotel- und Spitalbauer, Kurorterfinder, kein Zweifel, dass er auf die Opportunitäten mit unternehmerischen Ideen und architektonischen Würfen geantwortet hätte. Das weiss auch sein Enkel Luigi. Und spätnachts, wenn die letzten Gäste gegangen sind, bleibt er allein mit der Kapelle auf der kleinen Bühne zurück. Er zählt an und spielt zu Ehren seines Grossvaters die grossartig melancholische Hymne des Trostes der Nacht für den immerwährenden Wandel der Welt.

«Are You lonesome tonigth»

Die Kapelle spielt «Are You lonesome tonigth». Tränen aus den Augen der schönen Frauen, aufschnupfende Herren. Ach wenn die Kapelle nur nicht aufhörte zu schmachten. Doch sie gibt das Wort an den Erzähler:

«Wir haben zugelassen, dass in der Welt Brüche entstehen, die Institutionen, Gesellschaften und die Umwelt schwächen – diese Brüche gilt es nun zu heilen». So spricht Klaus Schwab in einem Bericht seines World Economic Forum. Davos hat sich immer wieder neu um den kranken und gesunden Körper gekümmert. Die Stadt entstand aus der Kur der an Tuberkulose Erkrankten. Als Medikamente sie heilen konnten, lernten die Davoser, mit dem gesunden Körper ins Geschäft zu kommen. Mit massivem Strassen-, Bergbahn- und Landschaftsbau entstand die Ferien- und Sportstadt. Mit dem Kirchner Museum und einer langen Tradition in Musik ist Davos eine Kulturstadt. Mit der Tuberkulose und ihrer Bekämpfung kam viel Wissen nach Davos. Und wurde hier weiter entwickelt: Klima, Sonne, Schnee, Knochen flicken und eben – die Welt retten.

In der Wissensstadt arbeiten heute gut 400 Forscherinnen und Forscher in Labors, unter freiem Himmel, in den Lawinen und am Computer. Sie haben eindrückliche Häuser, die die Davoser Architekturlandschaft prägen – das Tobleronehaus der Knochenforscher am Aufgang zum Sertig, das für die Sonnenforscher umgebaute Schulhaus im Dorf, und dieses Haus hier als Kirchners Forschungsort. Das sind nur drei Paradebeispiele. Und wie die Lungenärzte mit dem Sanatorium ihren prägnanten Bau erhielten, so haben auch Weltchirurg Klaus Schwab und die Seinen 1969 ihr Spital zur Behandlung der Weltbrüche erhalten – das Kongresshaus Davos. Ernst Gisel stellte dafür ein brutalistisches Betongebirge elegant an den Rand des Kurparks. Mehrmals hat die Gemeinde Davos ihr neben dem Rathaus und der Eishalle wichtigstes öffentliches Gebäude erweitert. Neulich hat der graue Mocken ein Holzkleid erhalten und als Eingang einen spektakulären Trichter.

Rathaus, Kirchen aus allen Epochen und für etliche Religionen ausser für die Muslims, Promenade, Kurpark, Baugesetz fürs Flachdach, Waldfriedhof, Arkade Kongresshaus, Hallenbad, Hockeystadion, Sportzentrum – die Dichte an architektonischen Perlen, die der Stadt Davos gehören und mit denen sie ihr Selbstverständnis und ihren Anspruch darstellt, ist eindrücklich.

Davos hat vier dramatische Brüche und Neuerfindungen erlebt, geformt, übereinander gelegt in Architektur. Luigi Panettone macht sich auf die eigenartige Geschichte der jungen und schönen Stadt seinen eigenen Reim.

«Young and beautiful»

Die Kapelle spielt «Young and beautiful» und das Publikum ist in einem Schwick um zwanzig Jahre jünger. Applaus, Applaus und der Erzähler hebt an zum letzten Kapitel, das zu jeder Vernissage gehört – Danke schön:

«Young and beautiful», jung und schön also, sagt und Luigi, sei die Stadt Davos. Wir wollen ihm das glauben, denn er ist ein Künstler und Sänger sind Seher. Heute begrüssen wir darum ein Buch, das die seltsame Geschichte dieser jungen Stadt erzählt und ihre Schönheiten darlegt. Eine Stadtbaugeschichte und 50 Bauten präsentieren wir in Texten von Philipp Wilhelm und Jürg Grassl. Beides sind Hoffnungsträger für Davos, denn beides sind junge Architekten. Und nun auch Feuilletonisten der Davoser Architektur. Zu jedem der fünfzig Häuser haben sie die Geschichte erforscht, geschrieben und auf ein dichtes kleines Feuilleton konzentriert und David Brückmann hat jedem Haus den Plan gezeichnet. Damit ihre Erkenntnis anschaulich wird, hat Ralph Feiner, der Architekturfotograf aus Malans, jedes Haus mit einem schönen farbigen Bild porträtiert. Und damit der Hintergrund klar wird, hat Köbi Gantenbein eine Stadtbaugeschichte zu Davos geschrieben und einen Essay zur Davoser Kirchenlandschaft. In der Jury, die aus den vielen die Perlen ausgelesen hat, sassen neben den drei Autoren Cornelia Deragisch, die Gemeindearchitektin und Marcel Liesch, der Bauberater. Und Gemeinde und die Destination haben die Finanzierung ermöglicht.

Dank all diesen Personen sieht das Buch die berühmte Sonne von Davos, dank deren Klima vor 166 Jahren alles begann als Alexander Spengler mit seinem Schlitten über den Wolfgang stob.

«Fame and Fortune»

Zum Abschluss spielt die Band «Fame and Fortune». Applaus, Applaus jedem und jeder, und langsam geht die Musik auf in ein Tanzen, die Frauen schütteln die Locken, die Männer schenken die Beine und rund um geht es, bis der goldene Mond die kalte Nacht von Davos beleuchtet.

 

 

 

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