Köbi Gantenbein ist Chefredaktor von Hochparterre.

Eine Anleitung zum Prozentrechnen

Der Bundesrat hat das Gesetz zur Zweitwohnungsinitiative vorgestellt. Die Seilschaft von alpinen Bodeneigentümern, Architekten und Regierungsräten hat gewonnen. Nun fordern die Walliser Gemeinden und die Wirtschaft gar weitere Lockerungen.

Bei Lehrer Erwin Gredig in der Primarschule Malans habe ich das Prozentrechnen gelernt. Er hätte fragen können: «Ein Kurort hat 1695 Wohnungen. Wie viel sind zwanzig Prozent?» Und ich hätte geantwortet: «339 Wohnungen.» Das ist die Grenze, über der es im Kurort nach der Abstimmung vom 11. März 2012 keine neue Ferienwohnung mehr geben kann. Doch was im Schulzimmer klar war, ist es im richtigen Leben nicht. Zwanzig Prozent sind mehr als eine Rechenoperation. Denn die Revision des Raumplanungsgesetzes, mit der der Bundesrat die Initiative zur Zweitwohnung umsetzen will, fördert mit fünf Ausnahmen, dass die Zweitwohnungsbauerei in den Bergen zunehmen wird.
Ausnahme Nr. 1: Das Gesetz will «touristisch bewirtschaftete Wohnungen» von den zwanzig Prozent ausnehmen (Artikel 7). Sie müssen nur «auf internationalen Vertriebsplattformen» zur Miete angeboten werden. Nichts leichter als das. Irgendwo im Internet geistert eine Anzeige herum, die den Preis auf 1900 Franken pro Tag festlegt. Niemand kommt, die Wohnung bleibt leer und privat. Die Ausnahme ist für die Idee ‹warme Betten› gut gemeint, doch sie zerstäubt die Weber-Grenze. 
Ausnahme Nr. 2: Das Gesetz will Hoteliers erlauben, ihre Rechnung mit dem Verkauf neuer Zweitwohnungen zu polieren (Artikel 9). Nichts leichter als das. Der kluge Spekulant sucht ein marodes Hotel, von denen es genügend gibt, und montiert es mit Wohnungen auf, die neu gebaut werden am Rand des Kurorts. Und schon sind zwanzig Prozent überwunden. Je schlechter die Rechnung aufgeht, umso besser. Denn ist ein Hotel 25 Jahre alt, so kann es in Zweitwohnungen umgebaut werden. Solche Wohnungen verbauen die Landschaft zwar nicht, aber die Ausnahme Nr. 2 ist eine Bankrotterklärung der Hotellerie. Sie wird gesetzlich zum hoffnungslosen Fall. Das beleidigt den erfolgreichen Hotelier und bereichert den unfähigen. Der Artikel sieht für ihn die Karriere de...
Eine Anleitung zum Prozentrechnen

Der Bundesrat hat das Gesetz zur Zweitwohnungsinitiative vorgestellt. Die Seilschaft von alpinen Bodeneigentümern, Architekten und Regierungsräten hat gewonnen. Nun fordern die Walliser Gemeinden und die Wirtschaft gar weitere Lockerungen.

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