Hochparterres Chefredaktor Köbi Gantenbein

Die Muken, die Physik und die Politik

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger will eine griffige Energiepolitik. Bauen und Architektur sind Schlüssel dazu. Doch die Politik glaubt der Physik nicht.

Die Bundesverfassung der Schweiz hat eine gespaltene Liebe zur Physik. In der Produktion von Energie kann der Bund allerhand bestimmen. Und seine Bürgerinnen und Bürger haben mit eindrücklicher Mehrheit einer ‹Energiestrategie 2050› zugestimmt, die den Klimawandel besänftigen und Atomkraftwerke abstellen will. Grundlage der Strategie ist die Physik mit ihren Erkenntnissen zur Thermodynamik, zur Mechanik und so weiter. Gesetz geworden gelten sie von Müstair bis Genf.

Für die Zuversicht ist das Verbrauchen der Energie allerdings wichtiger, denn gut protestantisch erzogen sage ich: Eine gesparte Kilowattstunde ist besser als eine von der Sonne fabrizierte. Mit einer Glanzleistung haben Ingenieure und Architektinnen in den letzten dreissig Jahren Wissen geschöpft und Werkzeuge erfunden, wie in Neu- und Altbauten Energie sparsam gebraucht werden kann. Sie haben gar herausgefunden, wie Häuser konstruiert werden, die keine Energie brauchen, sondern Strom fürs Netz produzieren. Und zwar so, dass kein CO² das Klima heizt. Auch das Wissen und Können zum Energieverzehr ruht auf den Gesetzen der Physik.

26 unterschiedliche Physiken

Doch anders als die Physik des Herstellens ist die des Brauchens 26 Mal unterschiedlich. Verfassung, Sitten und Bräuche billigen jedem Kanton seine eigene Weisheit zu. Die 26 Kantone sind nun daran, ihre Energie- und Baugesetze zu revidieren. Sie tun das im Selbstbewusstsein, dass eine Kilowattstunde in Müstair etwas anderes ist als in Genf. Die Baudirektoren haben sich 2014 immerhin zum vierten Mal seit 1992 auf ein Muster geeinigt, wie die 26 Bau- und Energiegesetze Strom, Kälte und Wärme steuern sollen. Die Erkenntnisse heissen ‹Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich›. Dieses Begriffsmonster hat eine reizend klingende Abkürzung: Muken. Der Zweisilber mit zwei tragenden Vokalen fasst einen breiten Katalog zusammen, wie Energie im Bauen vernünftig gestaltet werden soll. Im Kern wollen die Muken das Können von Energietechnik und -architektur im Gesetz verankern. Die Schweiz soll ein Land von ‹Nahezu-Null-Energiegebäuden› werden, im Neubau sowieso, aber auch dank Sanierung von Altbauten. Ersatz von Elektro-, aber auch von Öl- und Gasheizungen, Strom im und auf dem Haus erzeugen und so weiter wird Pflicht. Auch Werkzeuge, die das Verhalten steuern, sollen gelten: Abrechnung des Verbrauchs für jede Wohnung einzeln, zum Beispiel.

Berge? Katholisch? Trump?

Doch jeder Kanton baut aus den Muken sein eigenes Gesetz. Ist in Basel-Stadt die Idee angekommen, dass eingesparte Wärmeenergie gute Energie ist und der Markt diese zu sparen nicht schafft, so sehen die Solothurner das ganz anders. Sie haben die Muken an der Urne abgelehnt, weil die Solothurner Physik die Freiheiten des Bauherrn nicht beschränken will. Das Urner Parlament wiederum hat herausgefunden, dass es für ein griffiges Gesetz noch zu wenig Grundlagen gebe. Die Urner Physik ist wegen der stotzigen Berge links und rechts natürlich besonders. Dazu kommt wohl, dass die katholische Kirche, der Uri mehrheitlich anhängt, es immer wieder schwer hatte mit den Physikern. Das Parlament beschloss darum, die Unwetter aus dem Klimawandel mit Armbrust und Hellebarde zu bekämpfen und nicht mit Zero-Emissions-Häusern. Obwalden und Luzern, obwohl auch katholisch, haben ihre Energiegesetze mit den Muken ebenso renoviert wie Waadt und Baselland. 19 Kantone sind noch unterwegs. So Graubünden. Da will die Regierung vorwärtsmachen, wenn auch mit Muken-Minimal. Doch die vereinigten Verbände von den Gewerblern bis zu den Hoteliers haben sich gegen die Physik verschworen, als würden sie Herrn Trump glauben, dass der Energieerhaltungssatz Fake News von demokratischen Physikern sei. Sie kündigten an, alles dafür zu tun, damit nichts geschieht.

Für eine vereinigte Physik

Die 26 kantonalen Physiken verhindern, dass das energietechnische Können der Ingenieure und das energiegestalterische Wollen der Architektinnen wirksam wird. Es ist Zeit, die kantonalen Physiken des Brauchens mit der einen Physik der Produktion zu vereinen und als Teil der Energiezukunft Schweiz von Genf bis Müstair gültig zu erklären. So wie der Franken in Genf wie in Müstair gleich viel Euro wert ist, das Straf- und das Zivilgesetzbuch gleich ist und die Wetterprognose zuverlässig.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 10/2018 der Zeitschrift Hochparterre.

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