Hochparterres Chefredaktor Köbi Gantenbein

Das Jahr der Landschaft

Bundesrätin Leuthard hat den Abstimmungskampf gegen die Zersiedelungsinitiative eröffnet. Hochparterre ruft das Jahr der Landschaft aus.

Bundesrätin Leuthard rief die Journalisten zusammen und sprach zu uns: «Die Zersiedlungsinitiative der Jungen Grünen ist schlecht. Der Bundesrat sagt: Ablehnen!» Hochparterre antwortet: «Das Jahr 2019 wird das Jahr der Landschaft.» Doch Frau Leuthards Worte zeigen, es gibt nichts auszuzeichnen, es gibt nichts preiszufeiern. Das Landschaftsjahr 2019 ist ein kämpferisches, politisches Programm. Es fordert: Landschaft ist für alle, nicht für wenige. Wir brauchen Landschaft um zu leben, der Zitronenfalter braucht sie um zu schweben, der Stieglitz braucht sie um zu zwitschern und der Seidelbast braucht sie um zu blühen. Trotz Bundesrätin Leuthards beschwichtigenden Worten «alles nicht so schlimm, wir sind dran». Trotz des Könnens der Planerinnen und Landschaftsarchitekten – «Wir haben ein komplexes Regelwerk entwickelt». Trotz erfolgreicher Abstimmungen in Gemeinden, Kantonen und Bund zu Gunsten der Landschaft gilt: Jede Sekunde verschwindet fast ein Quadratmeter. Es gibt übers Ganze Land gesehen zwar eine etwas weniger stotzige Zunahme als noch vor fünf Jahren, aber
Landschaft verschwindet vor allem dort unter Strassen, Vorplätzen und Gebäuden, wo drei Viertel der Menschen leben, im Stadtlandband vom Boden- zum Genfersee.

Die Zersiedelungsinitiative

Und so hat das Landschaftsjahr 2019 mit Frau Bundesrätin Leuthards Auftritt schon begonnen. Am 10. Februar stimmen wir über die Zersiedelungsinitiative ab. Sie will das Bauland beschränken. Wie der Bundesrat zu recht seufzt: «Radikal». Denn es gibt genug davon. Richten wir uns darin ein. Doch die Initiative der Jungen Grünen ist gut schweizerisch liberal. Wer dennoch bauen will, wo er nicht sollte, muss Realersatz beschaffen. Anderswo eingezontes Land ist freizuhalten. Auch der Förster fällt im Wald nur die Bäume, die er anderswo nachwachsen lässt. Das Waldgesetz ist landschafts- und schweizbildend und erfolgreich seit 150 Jahren. Benedikt Loderer, der Stadtwanderer, der sich vor acht Jahren bei Hochparterre pensioniert hat, prägte diese Initiative mit. Hochparterre ist stolz, dass der alte Grüne mit einer Jungschar, das Landschaftsjahr eröffnet. Wer nicht will, dass uns die Landschaft abhanden kommt, wird «Ja» stimmen. Die, die mit dem Verschwinden von Landschaft viel Geld verdienen, werden diese Initiative aber wohl mit grossem Einsatz bodigen. Denn je tiefer die Zustimmung, je mehr Quadratmeter pro Stunde ist künftig wahrscheinlich. Und so ist es ungewiss, ob Volks- und Ständemehr möglich sein werden.

Die Landschaftsinitiative

Pro Natura, Schweizer Heimatschutz, BirdLife und die Stiftung für Landschaftsschutz wollen nichts anbrennen lassen. Sie haben vor ein paar Wochen angekündigt im 2019 für eine weitere Landschaftsinitiative die Unterschriften zu sammeln. Will die Initiative der Jungen Grünen das grosse Ganze, widmet sie sich einer grossen kulturellen Errungenschaft der Schweiz. Diese unterscheidet seit 50 Jahren Gebiete, wo gebaut werden kann, von denen, wo nicht gebaut werden soll: Bauzone und Nicht-Bauzone. Kaum eine Session der Bundesversammlung aber verging, vergeht und wird vergehen, in der die Politiker der Baulustigen nicht Ausnahmen beschliessen. Hühnerfabrik auf freiem Feld, Maiensäss als Ferienhaus, Villa statt altes Bauernhaus, Fischzucht am Waldrand. Der Bundesrat will zwar das Raumplanungsrecht revidieren. Die Vernehmlassung lässt ahnen, was der Vorlage im Parlament blühen wird. Ein komplexes Geflecht wird neue Ausnahmen in die Landschaft löchern. Die Initiative will das Gegenteil – das ausufernde Ausnahmeregime mit der alten, aber einfachen Idee abstellen: Es gibt die Bau- und die Nichtbauzone. Gebaut wird in der Bauzone. Wird sie auf demokratischem Weg vergrössert, wohlan, aber die Winkelzüge von einem Loch zum nächsten gibt es nicht mehr. Kurz – die Initiative will herstellen, was seit 50 Jahren abgemacht ist und dennoch oft missachtet wird. Hochparterre zeigt mit einem Themenheft im März, was die Landschaft, was wir und die Zitronenfalter, Distelfinken und der Seidelbast gewinnen werden, dank dieses Vorstosses.

Die Landschaftsliste

Landschaft ist auch gefährdet, weil die staatstragenden bürgerlichen Politiker sie verlassen haben. Vor hundert Jahren haben diese den Natur-, Landschafts- und Heimatschutz gegründet. Bis Ende des 20. Jahrhunderts konnten Landschaften auf deren Nachfolger als Advokaten zählen. Sie haben die Idee konzipiert und durchgesetzt, dass es Bau- und Nichtbauzone geben soll. Heute aber besetzen Parlamentarier des Freisinns, der Volkspartei und der Christen die Ränge derer, für die Landschaft allenfalls fürs Wort zum Sonntag geworden ist. Im Herbst des Landschaftsjahres 2019 sind nationale Wahlen – Es wird nötig, eine Liste aufstellen, die sagt, welche Parteien, welche National- und Ständeräte abgewählt werden müssen, weil ihre Politik der Landschaft so zusetzt, dass wir bald keine mehr haben. Und wir werden die benennen, die das Gegenteil tun: Diese Politikerinnen müssen gewählt werden.

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