Robert Hunger-Bühler spielt den Architekten Halvard Solness. Fotos: PD, © Matthias Horn

Baumeister Solness und die Architekten

«Baumeister Solness» von Hendrik Ibsen ist das bekannteste Drama über Architekten und Architektur. In Zürich läuft zur Zeit eine sehenswerte Inszenierung von Barbara Frey. Das Schauspielhaus lud Köbi Gantenbein ein, eine kleine Soziologie des Baumeisters zu schreiben. Er ist überrascht, wie präzise Hendrik Ibsen und Barbara Frey den Architekten als Opportunisten zu porträtieren im Stande sind, und hat Freude, dass der Baumeister in Zürich sanft und versöhnlich sterben darf mit einer Blume in der Hand.

Baumeister Solness weiss wie die Welt funktioniert. Er hat Anspruch, Werte und Kommandoton. Auf seinen Schultern liegt eine jahrhundertealte Zumutung: Die Welt lenken, der Vordermann sein, mit Hauen und Stechen das eigene Weltbild durchsetzen. Gegen den Widerstand von Gesellschaft und Material. Solness aber ist der Getriebene, kein Treibender. Wenn er treibt, dann seine Angestellten. Auf seinem Buckel drückt «Arché» den Charakter. Die Last des Führens ohne Macht. Der «Architéktos» machte in der griechischen Antike Karriere als Vordermann auf dem Bau. Sklavenarbeit zwar, aber nahe an der Macht. Er war zuständig für deren bauliche Gestalt. Dafür musste er sich aber mit dem Bildhauer messen, der höher im Ansehen stand. Vor allem aber war er der Organisator und der Statiker, der die Häuser gegen die Fremden sicherte. Parallel mit den Kriegstechniken wuchs sein Können, das in der Karriere als Festungsbauer grösseren Glanz erfuhr als im Design von Räumen, Fassaden und Plätzen. Der römische Baumeister Vitruv war kein Schöngeist, sondern ein erfahrener Militäringenieur bevor er seine zehn Bücher zur Architektur schrieb, die ihn zum Gründervater der abendländischen Architekturtheorie machten. Militäranlagen und Heerstrassen brauchen in den Werkverzeichnissen von Michelangelo, Bramante und Leonardo da Vinci Platz. Wie sie sassen die grossen Baumeister des Mittelalters und der Renaissance immer in unmittelbarer Nähe zu Kirchen- und Weltfürsten. Sie waren deren Bühnenbildner und ihnen als Dienstadelige verpflichtet. Oft von bescheidener Herkunft, gar Bergbuben aus dem Tessin. Präzise hat Hendrik Ibsen die Soziologie des Architekten begriffen: Er sitzt am Tischlein der Mächtigen und übernimmt, als Handwerker in den höheren Dienstadel aufgestiegen, deren Habitus und Gestus. Die Soziologie der Nähe von Macht und Architekt hat seit 2500 Jahren Bestand – bis heute. Beisp...
Baumeister Solness und die Architekten

«Baumeister Solness» von Hendrik Ibsen ist das bekannteste Drama über Architekten und Architektur. In Zürich läuft zur Zeit eine sehenswerte Inszenierung von Barbara Frey. Das Schauspielhaus lud Köbi Gantenbein ein, eine kleine Soziologie des Baumeisters zu schreiben. Er ist überrascht, wie präzise Hendrik Ibsen und Barbara Frey den Architekten als Opportunisten zu porträtieren im Stande sind, und hat Freude, dass der Baumeister in Zürich sanft und versöhnlich sterben darf mit einer Blume in der Hand.

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