Basler Münster, Elbe-Philharmonie und Autobahn: Jakob spricht über die Ewigkeit.

Architektur und Ewigkeit

Das Basler Münster wird 1000 Jahre alt. Das Radio lud Hochparterres Chefredakter ein, über Architektur für die Ewigkeit zu reden. Sie ist eine kulturelle und keine bauphysikalische Frage.

 

Morgens von zehn bis elf Uhr von Montag bis Freitag ist «Treffpunkt» im ersten Programm des Schweizer Radios. In einer Stunde berichten Reporterinnen über Alltägliches oder der Moderator spricht mit Gästen übers Ballonfahren, Wohnen im Block, über die Wildnis in der Stadt. Vor ein paar Tagen luden mich die Redaktorin Beatrice Gmünder und der Moderator Adi Küpfer ein, während einer Stunde übers «Bauen für die Ewigkeit» zu reden. Anlass war der tausendste Geburtstag des Basler Münsters.

Ewig: Autobahn und Alp Transit

«Live» ist schön. In Max Bills Radio-Hochhaus an der Brunnenhofstrasse in Zürich ist das Sendestudio in einem Glaskasten eingerichtet. Bildschirme unterschiedlicher Grösse umringen den Moderator im Halbkreis. Wie ein Dompteur die Tiger, dirigiert er die Töne und Informationen. «Tiere auf der Autobahn bei Chur» erfordern sofort einen Sendeunterbruch; die Uhr sagt ihm, dass er jetzt dann grad die nächste Musik melden muss und er wechselt dafür seine Stimme vom Alltagsklang in Samt & Seide. Während der Musik hört er auf einem Dienst an einem anderen Bildschirm, wie er «Stonehenge» korrekt aussprechen soll – der Steinekreis in Südengland, der noch ewigere Architektur ist als das «Basler Münster». Ich sitze am Aussenrand des Halbkreises auf einem weissen Barstuhl, getrennt von einem Mikrophon und einem Kabelgewirr von Adi Küpfer. 
Musik fertig gesäuselt, Hebel auf und ich soll sagen, welche Architektur von heute denn für die Ewigkeit gebaut sei. Mir fallen die Schweizer Autobahn ein und der Gotthardbasistunnel – beide so massiv betoniert, dass sie noch stehen, wenn das Basler Münster, das Schloss Tarasp und die Kathedrale von Chur zusammengebrochen sein werden. Sie werden die Landschaft prägen, auch wenn es keine Autos und Eisenbahnen und keine Schweiz mehr geben wird. Und die Gesellschaft wird ihnen neuen Nutzen geben. Der Moderator hat eher etwas Architektischeres erwartet und führt mich nun eng. Ich soll das Haus Nideröst in Schwyz kommentieren, das älteste Holzhaus der Schweiz, das vor ein paar Jahren fast zerstört worden ist. Ich kann so dem Schweizer Heimatschutz ein Kränzli winden, der sich so nötig und gut einsetzt gegen die Unvernunft der Zeit. Er hilft dem und jenem Bauzeugen in die Ewigkeit, was ihm das Baugeschehen nicht gönnte. 

Ewigkeit ist kein Problem der Physik

Bevor ich Luft holen kann, um den Profit zu geisseln, gibt es wieder Musik – mein Musikverstand ist allerdings so weit fort von Radio Beromünster, dass ich kein Stück und keine Kapelle kenne. Nun fordert Adi Küpfer die Zuhörerinnen und Zuhörer auf zu melden, welche Bauten sie als ewig sehen. Und während sie schreiben, darf ich in die Immobilien-Oekonomie eintauchen, über Abschreibungs-Zyklen reden, darüber, dass Ewigkeit ein kulturelles und weniger ein bauphysikalisches Problem sei: Wir, die Bauherren, die Politik bestimmen, was wie lange stehen soll, nicht die Schwerkraft. Nun berichtet ein Reporter aus Basel so anschaulich über die Geschichte des Münsters, dass ich beschliesse, es so bald als möglich wieder einmal zu besuchen. 
Im Gespräch voraus habe ich die Redaktorin darauf aufmerksam gemacht, dass wir jeden Tag auch weit weg vom ewigen Basler Münster über die Ewigkeit streiten. Und prompt legt der Moderator mir die Fährte hin, über das Bauen auf Maiensässen zu reden. Sie noch mehr für ewige Ferienhäuser umnutzen oder zusammenfallen lassen? Ich rede mich kurz ins Feuer gegen das ewige Leben für nicht mehr gebrauchte Ställe und für die ewige Schönheit der Landschaften ausserhalb der Bauzone. Meinen Ausflug schliesse ich ab mit einem Lob für den Ballenberg, dessen Leute mit Sachverstand die untergangene Baukultur des ländlichen Raumes bewahren und auch schön ausstellen. Nach der Sendung schreiben empörte Zuhörer aus Graubünden wütende Mails, ich hätte den grössten Schmarren erzählt, der je im Radio zu hören gewesen sei. Ich sei nur neidisch, weil ich keinen Maiensäss hätte (was nicht stimmt). Und einer lädt mich gar in seines ein. Ich zögere mit Zusagen, fürchtend er übergäbe mich dann dem Sennentuntschi.

Für die Ewigkeit: Sogn Benedetg

Nach weiterer Musik darf ich Hörerinnenanregungen kommentieren. Der einen stimme ich zu, in der grossen Kraft der Elb-Philharmonie läge Ewigkeit, weise auch darauf hin, dass die vielen Millionen Steuergeld in diesem Bau nun lange künstlerischen Profit tragen müssten. Der anderen stimme ich in einem Mail zu, dass völlig daneben ist, wie in Vals der Dorfkönig Pius Truffer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion «Hansjörisch Hus», ein steinaltes Holzhaus, zerstört hat – es verdiente Ewigkeit. Und einem Hörer wich ich elegant aus, dass mein Lob des Ballenbergs auch für die Swiss Miniature in Melide gelten müsse. 
«Live» ist schön, es reizt das Adrenalin, es fordert Konzentration, denn gesagt ist gesagt. Adi Küpfer frug mich am Schluss, welchem Haus ich Ewigkeit gönnen würde und ich sprach formal elegant für die Sendung, aber einen Hauch einschmeichlerisch: «Ich schliese mich Euch an – dem Basler Münster.» Und dachte auf dem Heimweg, wenn schon Kirche, hätte ich als munziges, zeitgenössisches Brüderlein des Münsters die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg nennen sollen. Aber live ist live und gesagt ist vorbei. 
 

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