327 Neujahrskarten

Mein Grossvater Peter schritt jeweils mit mir im Dezember in die Papeterie von Annalies Zack an der Hauptstrasse von Schiers und wir kauften dort eine Beige Wunschkarten fürs Neujahr.

Als Motive wählte er mit Schnee verzuckerte Landschaft, fotografiert oder gezeichnet. In der Stube schrieb er bedächtig Wunsch um Wunsch in seiner kleinen Sütterlin-Schrift auf die kleinformatigen Karten, zu jedem eine persönliche Note und aufs Couvert setzte er ebenso sorgfältig die Adresse, den Wohnort mit dem Lineal unterstreichend. Ich packte die Wünsche ins Couvert ein, klebte eine Zwanzigermarke drauf und wir brachten sie zur Post. Der Brauch hat sich erhalten. Vor mir liegt eine Kartonschachtel voller Wünsche. Die meisten von Hand angeschrieben, viele mit einer persönlichen Bemerkung. Bemerkenswert sind die Bilder. Zu drei Vierteln nutzen Architekten und Designerinnen die Karte als Werkauszeichnung. So kommt ein bemerkenswerter Katalog zur zeitgenössischen Architektur der Schweiz im Jahr 2010 zusammen von Kirchen über Museen, Experimenten, Altersheimen bis zu Wohnbauten. Einzelne begnügen sich nicht mit Karten, sondern schicken einen aufwändig gemachten Glückwunsch-Leporello, auf dem das Jahreswerk versammelt ist und einige gar packen zur Karte ein Buch, in dem ihr Vorzeigehaus bengalisch beleuchtet wird. Ein paar blicken nach vorne. Sie setzen gewonnene Wettbewerbe auf die Karte oder künden Baustellen des nächsten Jahres an. Aus der Reihe schlägt Pierre Keller, der wirblige Direktor der Hochschule der Künste von Lausanne: Er liess die zwei Gänse fotografieren, deren Foie gras er am Silvester verspiesen hat. Und engagiert wünschen schliesslich Daniela Dreizler und Christoph Lüber mir ein Gutsneusjahr. Sie verknüpfen das Schöne mit dem Nötigen und rufen auf zum Widerstand gegen das Projekt von Mario Botta, mit dem aus dem Thermalbad von Baden ein Spektakelbad gemacht werden soll. Dafür gab es ein Guetzli als Bäderdrachen und eine Postkarte, die eindrücklich die geplante Untat zeigt. Was mich aber am meisten erstaunt: Anders als den Zeitungen oder dem Brie...
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Mein Grossvater Peter schritt jeweils mit mir im Dezember in die Papeterie von Annalies Zack an der Hauptstrasse von Schiers und wir kauften dort eine Beige Wunschkarten fürs Neujahr.

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