Architekt Adolf Krischanitz, Moderator Roderick Hönig, Künstler Adrian Schiess und Kunsthistoriker Peter J. Schneemann debattierten angeregt, zuweilen aufgeregt.

Kunst-und-Bau: Dekoration oder Irritation?

Am Städtebaustammtisch wurde in Zürich über «Kunst und Architektur im Dialog» diskutiert. Der Dialog auf dem Podium verlief erst gemächlich, dann hitzig und zum Schluss harmonisch.

In welchen Dialog sollen Kunst und Architektur treten? So lautete die weit gesteckte Frage, die Hochparterre am Städtebaustammtisch gestern Abend im ausverkauften Architekturforum in Zürich diskutierte. Der Anlass war gleichzeitig die Vernissage des Buches «Kunst und Architektur im Dialog», das in der Edition Hochparterre erscheint. Der Dialog auf dem Podium verlief erst gemächlich, dann hitzig und zum Schluss ganz harmonisch. «Der Dialog muss auf Augenhöhe stattfinden», meinte der Künstler Adrian Schiess. Er plädierte für eine Kunst, die nicht im ersten Moment als solche wahrgenommen wird. «Sie muss Teil eines Ortes werden.» Ganz so nah sah Architekt Adolf Krischanitz die beiden Disziplinen nicht: «Es braucht eine Trennschärfe, damit sich ein Kunstwerk behaupten kann.» Gleichwohl solle sich die Kunst eng mit dem Raum befassen.

Peter J. Schneemann, Professor für Kunstgeschichte, misstraute dem Begriff Dialog, der für ihn allzu harmonisch klingt. Er interessiert sich vielmehr für eine Kunst, die alle Register zieht und alle Gattungen bedient. Zentral ist für ihn die Frage der Nutzer, die sich Bei Kunst-und-Bau im Unterschied zum Museum stellt. «Künstler interessieren sich für Funktionszusammenhänge», so Schneemann. Darf Kunst stören? Darf sie utopisch sein, widerständig? Fragen, die im Museum nie jemand stellen würde. Doch Schneemann schätzt gerade diese Diskussion ausserhalb des «gesättigten Museumskontextes». Insofern biete Kunst-und-Bau ein «wunderbares Forum». Er verwies auf eine Arbeit des Künstlers Hans-Peter Feldmann, der in Münster eine öffentliche Toilette auf den Domplatz stelle.

Das Projekt löste eine hitzige Debatte zwischen dem Kunsthistoriker und Schiess aus. Letzterer kann mit solchen Experimenten gar nichts anfangen. «Das ist eine verschenkte Möglichkeit, einen Ort zu schaffen.» Er fasst den Kunstbegriff enger, konservativer. «Ich bezweifle, ob es Aufgabe der Kunst ist, die Welt zu erlösen.» Schiess interessiert sich für eine Kunst im Sinne einer besseren Befindlichkeit. Der Begriff Dekoration sei für ihn insofern kein Schimpfwort. Krischanitz pflichtete dem bei. «Architektur bietet ein Rahmenwerk, in das sich die Kunst einnistet.» Schliesslich sei das Gesamtkunstwerk entscheidend. Für ihn ist Architektur erst Baukunst, wenn sie sich von ihren Anforderungen emanzipiert. Dann gehen Architektur und Kunst Hand in Hand. Für Schiess ist dies die Voraussetzung für einen Dialog. «Dann sprechen quasi zwei Künstler miteinander.» Der Künstler und der Architekt waren in diesem Punkt ganz einer Meinung. Krischanitz hat auch schon selber einen Künstler bezahlt, weil dem Bauherr auch eine weisse Wand genügt hätte, dem Architekt aber nicht. Kunst kann für ihn architektonische Engpässe lösen, etwa beim Museum Rietberg, wo goldene Quader an der Betonwand den Besucher empfangen. «Die Kunst war meine Rettung.»

Hochparterre dankt Velux für die freundliche Unterstützung des Städtebaustammtisches.

Kommentare

Ruth Maria Obrist 16.05.2013 12:26
Mit einem Kunst-und-Bau Projekt ist der Künstler selten mit einer weissen Leinwand konfrontiert. Gegeben sind eine zumindest geplante Architektur und mehr oder weniger definierte Benutzer. Was die Nutzung betrifft spielt es eine Rolle, ob der Bau ein Kindergarten oder eine Abdankungshalle ist. Ist die Architektur grosszügig und neutral; sind grosse leere Wände und freie Räume geplant, so sind unterschiedliche Interventionen möglich; die Situation ähnelt der eines Museums. Für den ersten Moment sind das wunderbare Voraussetzungen. Der Künstler kann sich aber meist weder Architekt noch Architektur auswählen. Oft ist die Architektur überbefrachtet und als Künstler schwer zu verstehen. Viele Gebäude scheinen überinstrumentiert und eine Anhäufung von Wänden und Winkeln und Fenstern zu sein. Der Künstler verspürt Lust, Veränderungen vorzunehmen, zu vereinfachen, nachhaltig in den Bau einzugreifen. Die beste Voraussetzung für ein Kunst-und-Bau Projekt ist, wenn der Künstler bereits bei der Planung mit einbezogen wird. Die Gefahr, bloss eine "oberflächliche Beschmückung" beizusteuern, kann dadurch vermindert werden. Fazit: Ist die Architektur der eigenen Vorstellung und einem "white cube" nahe, ist das Resultat eines harmonischen Dialogs wahrscheinlicher- ausser man hat den Mut, diese Harmonie zu zerstören. Bei einer "komplexen" Architektur ist der Künstler gezwungen, unharmonisch zu intervenieren, eventuell selbst eine Wand zu "stellen" oder eine vom Architekten geplante Situation zu "verdecken".
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