Bauart Architekten: Eine muntere Gruppe in der Stadion-Baustelle von Warschau. Fotos: Werner Huber

Hochparterre Reisen in Warschau, Tag eins: dichte Packung

Warschau war das Ziel der diesjährigen Büroreise von Bauart Architekten. Mit sechzig Leuten im Schlepptau durch eine Stadt führen? Kann das gut gehen? Es ging gut. Und wie!

Warschau war das Ziel der diesjährigen Büroreise von Bauart Architekten mit Büros in Bern, Neuenburg und Zürich. Rund sechzig Personen haben sich angemeldet, von den Partnern bis zu den Lehrlingen. «Mit sechzig Leuten im Schlepptau durch eine Stadt führen? Kann das gut gehen?» fragte ich mich bange, zumal wir ausschliesslich zu Fuss und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ging gut, sehr gut sogar! Ausgerüstet mit Mikrofon und Kopfhörer machten wir uns am Freitag Morgen auf den Weg, und zwar zweisprachig: Rahel Schöni sorgte dafür, dass die Bauartigen aus Neuchâtel meine Ausführungen simultan übersetzt frei Ohr geliefert bekamen. Und meine Freunde Marcin Maj und sein Bruder Krzysztof standen hilfreich zur Seite. Sie achteten darauf, dass alle ins Tram ein- oder bei der richtigen Haltestelle wieder ausstiegen, und sie waren mein verlängertes polnisches Sprachrohr.


Nach einer kurzen Einführung im Hotel war die erste Station das «Stadion Narodowy», das Nationalstadion, das zurzeit im Stadtteil Prags auf dem rechten Weichselufer im Bau ist. Im Juni sollte es vollendet sein (das Foto zeigt: unmöglich!), nun ist August der Termin. Wie dem auch sei: Bis zum Startspiel der Fussball-EM 2012 wird es sicher bereit stehen. Marcin Stradowski geleitete uns auf den Umgang, von dem aus wir einen eindrücklichen Blick in den Innenraum werfen konnten. Spektakulär ist die über dem Spielfeld schwebende Stahlkonstruktion, die als «Garage« für die mobile Überdachung des Spielfelds funktionieren wird. Der Neubau steht an Stelle des «Stadions des Jahrzehnts», das 1955 anlässlich des 10. Jahrestags der Befreiung Warschaus gebaut wurde. Es war eine offene, aus Trümmerschutt in die Landschaft modellierte Anlage - wunderschön, aber mit einem Nachteil: untauglich als Stadion, weil offenbar die Luft im Kessel sitzen blieb.


Vom Stadion ging es dann per Tram zurück über die Poniatowski-Brücke zum De-Gaulle-Rondo, wo seit 2002 Joanna Raitkowskas Palme steht. Zwar nicht ganz, aber doch täuschend echt - eine Referenz an Jerusalem mitten auf der Allee Jerozolimskie in Warschau. In der Gegend des Königswegs, an der Ulica Nowy Swiat (Neue-Welt-Strasse) machten wir Mittagspause, selbstverständlich im Freien, denn das Wetter war die ganzen Tage über prächtig. Anschliessend machten wir einen Abstecher zum neuen Chopin-Museum, das im Chopin-Jahr 2010 fertig gestellt wurde. Weiter ging es über den Königsweg zur Krakowskie Przedmiescie (Krakauer Vorstadt), vorbei am Haus ohne Kanten aus den Dreissigerjahren zum Pilsudskiplatz. Hier steht Norman Frosters Bürohaus Metropolitan von 2003. Seine beste Arbeit ist es zwar nicht, aber für das Warschau jener Zeit doch aussergewöhnlich, und die Bänke im kreisrunden Innenhof luden zum Sekundenrast.


Am benachbarten Plac Teatralny steht das wieder aufgebaute ehemalige Rathaus der Stadt - heute ein simples Bankgebäude mit davor geklebter "historischer" Fassade. In der an Wiederaufgebautem reichen Stadt ist das ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Nur am Rande warfen wir kurz darauf einen Blick auf die wieder aufgebaute Altstadt (wir sparten sie uns für den nächsten Tag auf), denn wir wurden an der Jurij-Gagarin-Strasse erwartet, wo wir dem Büro JEMS Architekci einen Besuch abstatteten. Maciej Milobedzki gab uns einen Einblick ins Schaffen des 1988 gegründeten Architekturbüros. Eines der Hauptwerke, das JEMS zum Durchbruch verhalf, ist das Verlagsgebäude von Agora, der Mediengruppe, die aus der einst illegalen Solidarnosc-Zeitung «Gazeta Wyborcza» hervorgegangen war. Obschon (oder gerade weil) bald zehnjährig, ist das Gebäude noch immer ein gelungenes Beispiel für eine offene, transparente Architektur.


Mit ein wenig Verspätung erreichten wir das Hotel, wo wir uns kurz frischmachen konnten, um dann per Bus zum gemeinsamen Nachtessen zu fahren. «U Kucharzy» heisst das Lokal in der Küche des ehemaligen (auf die Renovation wartenden) Hotel Europejski. Ein perfekter Tipp, wie zeigte: Der Raum war gross, die Tische lang, die Portionen gut und reichlich (insbesondere die Ente mit Äpfeln), die Bedienung professionell. Szarlotka rahmte das Menü ein: als Aperitif in Form eines Cocktails aus Büffelgras-Wodka und Apfelsaft, zum Dessert als «richtige» Szarlotka, Apfelkuchen. Ein Gewitter (der einzige Regen der drei Tage) sorgte dann für Abkühlung auf dem Heimweg ins Hotel oder die zur nächsten Station des Ausgangs.


Tag zwei
Tag drei

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