Rund und schlank: Benedikt Loderer (rechts) und Köbi Gantenbein, die Gründer.

Essenzen aus 30 Jahren

22 Bilder erzählen Hochparterres Geschichte seit der Gründung im Jahr 1988.

Benedikt Loderer (rechts) und Köbi Gantenbein, die Gründer. Präziser: Loderer hat das Heft erfunden und am 22. April 1988 beim Frühstück im ‹Café Marion› in der Zürcher Altstadt Gantenbein ins Boot geladen. Die beiden kannten sich von der Barkante. Der eine war rund, der andere schlank, der eine war Architekt, der andere Soziologe, der eine schrieb den geraden, der andere den blumigen Satz, der eine war 43, der andere 32 Jahre alt, der eine ist Citoyen, der andere Bündner. Beide wurden zu einem Freundesgespann, heute ist der eine schlank und der andere rundlich.

Hochparterre zum Ersten: Beat Curti.
Massanzug, grosszügig, charmant – ein Kaufmann: Beat Curti. Ihm gehörte der Verlag Curti Medien mit dem Flaggschiff ‹Der Schweizerische Beobachter›. Am 9. Mai 1988 liess er sich überzeugen: Hochparterre machen. Rentiert hat das Heft bei Curti nie. Er zahlte grosszügig wachsende Defizite. Als er aus dem Millionengrab des Pleitiers Werner K. Rey Druckereien und den Verlag Jean Frey mit ‹Weltwoche›, ‹Bilanz› und ‹Sport› gekaufte hatte, wurde für Hochparterre die Luft dünn. Man munkelte in der Teppichetage: «Schade, aber die gibt es nicht mehr lange.»

Hochparterre zum Zweiten: Ein Neuanfang.
Am 25. Juni 1991 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien; der Krieg auf dem Balkan begann. Hochparterre war auf Schulreise von Trogen nach Gais. Im Rucksack nebst Cervelat und Brot eine Sorge: Verleger Curti wird uns die Luft abdrehen. Dann der Trotz – lieber bringen wir uns selbst um, als dass wir uns umbringen lassen. Im Restaurant auf dem Gäbris, tropfnass vom Wolkenbruch, der Entwurf des Briefes an den Verleger: «Wir machen auf eigene Faust weiter.» Tags darauf der Geschäftsplan: Die Kosten der Liquidation werden mit dem übrig bleibenden Wert verrechnet, und was bleibt, erhält die neue Gesellschaft: 651 944 Franken. Curti sagte: «Jawohl. Ich zahle zudem die aus, die nicht ins Abenteuerboot einsteigen wollen.» Loderer nahm einen mit Sigolin blitzblank polierten Einfränkler aus dem Portemonnaie. Am 3. Juli waren die Zeitungen voll: «Das Heft gehört der Redaktion.» 

Der Geschäftsplan
Wie das eigene Heft produzieren? Köbi Gantenbein wuchs in der ‹Bündner Zeitung› auf. Unterdessen war sein Chefredaktor Hanspeter Lebrument Verleger und Drucker in Chur geworden. Auf einer Bergtour zur Enderlinhütte unter dem Falknis legte der Jüngere dem Älteren dar, dass Hochparterre nun «gemacht» werden müsse. Es brauche Lithografen, Drucker, Inserate- und Aboverwaltung und Vertrieb. Wieder zurück im Tal zeichnete der Ältere einen Plan auf das Tischset der ‹Alpenrose› in Maienfeld: «Ihr holt Offerten für alles ein. Ich mache es zu den Kosten des Günstigsten. Von den Einnahmen aus Inseraten und Abos gehen siebzig Prozent für die intellektuelle Produktion an euch und dreissig Prozent für die technische an mich. Reicht das nicht, um meine Offerte zu bezahlen, schreiben wir die Schuld auf die Tafel.» Drei Jahre gingen wir in die Kreide, nach fünf Jahren waren die Schulden bezahlt. Hochparterre hatte nie einen Franken Bankengeld nötig. Als Lithograf kam bald Raini Sicher aus Gurtnellen ins Boot – günstiger, besser und auch zu Hause im Berggebiet. Lebrument gab letztes Jahr seine Druckerei auf. Ein trauriges Adieu nach 27 Jahren. Ab Januar 2019 drucken die Drucker von Stämpfli in Bern die Hefte, Themenhefte und hochparterre.wettbewerbe. Nicht mehr in den Alpen, aber mit Blick auf sie.

Das Totenschiff
Am Karfreitag 2004 starb Barbara Erb an Lungenkrebs. An ihrem Totenbett im Lighthouse in Zürich warteten Dutzende farbiger Papierschiffchen darauf, ihre Seele mitzunehmen. Die Künstlerin Barbara Erb war Hochparterres Grafikerin. Sie hat das Hochparterre-Logo als Block- und Sprachspiel entworfen. Und im Sommer darauf wollte Adi Locher nicht mehr leben. Die Asche des Reporters, Freundes und virtuosen Schreibers liegt unter seinem Lieblingsbaum hoch über dem Zürichsee, den er auch als Kapitän befahren hatte.

Kurve, handgemalt
‹Die Kurve› zeichnete monatlich Vermögen, Umsatz, Inseratezahl und besondere Vorkommnisse nach. Das Vermögen von Hochparterre ging rasant nieder. Wir extrapolierten an der ‹Schnapskonferenz› im Januar 1992 auf der X-Achse, dass Hochparterre im Mai pleite sein würde. Das wollten wir nicht. Der Sozialismus hat uns erleuchtet: Alle verdienen ab sofort gleich viel: 4600 Franken brutto pro Monat. Die Not machte uns roh: Wir schafften zwei Stellen ab. Und das Erfinden hat uns gerettet: Für die Uhrenfirma Corum schrieben wir eine Monografie ihrer Fabrikerweiterung. Daraus entstanden 325 Themenhefte. Die Kurve brauchte acht Monate, bis sie knickte. Mit der Zeit reichte das Format A4 nicht mehr – die Kurve wollte aufwärts. Bald reichte die Packpapierästhetik nicht mehr. Susanne von Arx und Gabriela Projer führen sie heute in Excel-Tabellen. Je mehr die Kurve aufwärts will, umso höher der Lohn, denn zum Grundlohn von mittlerweile 6400 Franken pro Monat für eine volle Stelle kommt seit 1997 das ‹Bärenfell›, wie wir den unter allen gleich verteilten Profit nennen. Seit 2006 gilt: Eine Stelle bei Hochparterre wirft mindestens 100 000 Franken im Jahr ab, jedem und jeder gleich viel. Die Aktien gehören Loderer (49 Prozent) und Gantenbein (51 Prozent) – sie zahlen keine Dividenden.

Drei Logos
Kaum war 1988 das erste Hochparterre gedruckt, jammerten die Köfferliböcke: «Sparen! Ein Redesign muss her.» In der Höhe zwackten wir dem Heft 1991 vier und in der Breite einen Zentimeter ab, um so die Portokosten zu senken. Die Grafiker mussten Desktop lernen, und der Verleger nahm ihnen das Budget für aufwendige Lithos weg und beendete so die Episode Bilderforschung – jedes Heft ein anderes Heft. Ein neues Logo, von Lars Müller gezeichnet, wollten wir uns zum Trost geben siehe Abbildung. «Das macht Coca-Cola nicht, darum macht es Hochparterre nicht», befahl der Verleger Curti. So blieb das erste Firmenschild erhalten, bis mit dem Redesign von 2003 das Block- und Sprachspiel von Barbara Erb auf Heft und Firma kam. 2008 schenkten wir uns ein Redesign zum 20. Geburtstag, und 2013 hat Antje Reineck Hochparterres heutiges Kleid entworfen – frisch wie am ersten Tag sieht es aus. Das nächste Redesign wird sich um das Heft in den Zeiten der Digitalisierung kümmern.

Werte setzen
Aus den Erträgen des Gruppendynamos schrieben wir im Winter 1991 den ‹Contrat social› auf, der ‹Liberté, Égalité, Solidarité› als Grundwerte der Firma festlegte. Die Marksteine: Alle sind gleich ausser dem Chefredaktor, dessen Entscheide aber mit einfachem Mehr kassiert werden können. Jeder und jede hat einen möglichst grossen Frei- und Autonomieraum, aber präzise beschriebene Rollen. Argumentieren ja; befehlen nein. Hochparterre will eine Firma werden, in der es allen gutgeht, in der alle miteinander froh sind – möglichst froh –, denn der Chefredaktor hat im Lauf der Jahre 11 Kolleginnen und Kollegen entlassen, weil Konflikte eskalierten. Zudem: Hochparterre will eine gesunde Firma sein. Darum haben wir den Bildungsurlaub erfunden, dank dessen jede und jeder alle vier Jahre zwei Monate bezahlten Urlaub hat, zusätzlich zu den fünf Wochen Ferien.

Hochparterre international
Aus der satten Beute des Jahres 2005 zwackten wir 100 000 Franken ab für den Wettbewerb ‹Hochparterres Zukunft›. Meret Ernst gewann ihn. Sie entwickelte damit ‹Hochparterre International›, eine Zeitung im Internet, in der sie Kolumnen und Berichte aus Barcelona, Shanghai, Peking, Amsterdam und New York publizierte. Hochparterre sammelte technische und journalistische Erfahrung im neuen Medium. Mit der Zeitschrift dagegen scheiterten drei Versuche, Hochparterre in Deutschland und Österreich zu lancieren. Zu wenig Wissen, zu wenig Pokerwille, zu wenig Kapital.

Im Netz
Bald übergab Meret Ernst ihr Projekt ‹Hochparterre International› an Urs Honegger. Er setzte zu den Weltstädten Berichte aus Zürich dazu, die schnell viele Leserinnen fanden. 2011 entwickelten wir aus der Welt die Schweiz: Hochparterre.ch – ein Nachrichtenportal mit Kommentaren, Berichten und Digital Stories, das heute 30 000 Leserinnen und Leser regelmässig besuchen. Diesen Sommer bauten Urs Honegger und Barbara Schrag Hochparterre.ch neu. Das ist ein Beispiel dafür, wie Hochparterre möglichst viel im Haus machen, Lehrgeld zahlen und alle wirtschaftlichen und inhaltlichen Fäden in der Hand behalten will. Gut auch, dass wir technisch auf der Höhe bleiben und das dennoch bezahlen können. Dafür sorgt seit bald dreissig Jahren Peter Schmid als IT-Ingenieur, dafür hat Daniel Bernet, der Produzent, die Macherei von Hochparterre kürzlich mit einem eigens adaptierten Redaktionssystem in der Cloud eingerichtet.

Ausbauen
Das Architekturbüro Wäschle Wüest gab die ‹Aktuelle Wettbewerbs Scene› heraus, eine Versammlung der wichtigen Wettbewerbe mit Plänen und Juryprosa. Walter Wäschle bot uns 2001 die Zeitschrift an. Wir sagten Nein, denn wir wollten schlauer sein und eine Plattform für den Architekturwettbewerb im Internet aufbauen. Wir scheiterten kläglich an unzureichendem technischen Wissen und den hohen Rechnungen der Internet-Ingenieure. Wir klopften bei Walti Wäschle wieder an, der uns das Heft günstig gab. Ina Schmid, später Rahel Marti, heute Ivo Bösch und Marcel Bächtiger machten daraus hochparterre.wettbewerbe. Sie verbinden es mit regelmässigen Kommentaren und Berichten über den Wettbewerb auf Hochparterre.ch zum dicht gewobenen Diskursteppich, den sie auch ins reale Leben ziehen: Alle paar Monate werden im ‹Wettbewerbsquartett› Architekturwettbewerbe öffentlich debattiert.

Kein ‹Du›
Der Tamedia-Konzern wollte 2003 eine lange Tradition loswerden. Die Kulturzeitschrift ‹Du› rentierte nie. Wir wollten es besser können und schrieben ein hochfliegendes Programm, einen übermütigen Businessplan und tranken uns Mut an vor dem Treffen mit Hans Heinrich Coninx, dem Tamedia-Chef. Er war uns herzlich gewogen, doch sein Direktor Martin Kall war dagegen, uns einen Totengräberkredit zu geben, das heisst zwei Jahre das grosse Defizit des ‹Du› weiterzubezahlen, bis unser Plan funktioniert hätte. Wir scheiterten. Wie gut – wir wären früh gealtert mit ausgebissenen Zähnen am rettungslos verlorenen ‹Du› aus alter Zeit.

Hochparterre zum Dritten
Benedikt Loderer und Köbi Gantenbein wanderten über den Grenchenberg. Vom Weissenstein wollten sie in der Falllinie nach Solothurn hinunter. Doch es wurde stotzig und felsig, dunkel und kühl, urwaldig und unheimlich. Wären sie den Bergtod gestorben, statt umzukehren und brav den gelben Zeigern nach ins Tal zu tippeln, wäre alles anders geworden. So aber haben sie im Restaurant Baslertor in Solothurn auf Hochparterres dritte Neuerfindung angestossen – die Zukunft, wenn Loderer sich 2010 pensioniert haben würde. Kein Verkauf der Firma an Dritte für die von Kundigen spekulierten sechs Millionen Franken, sondern wie ein anständiger Metzgermeister wollten sie ihre Firma der nächsten Generation weitergeben zu einem Preis, den diese zahlen kann. 2,5 Millionen, sprach Loderer, und Gantenbein teilte sie auf in 1,5 Millionen Aktienwert und eine Million Pionierrente an die zwei, um so die Dynamik des Kapitals zu bremsen. Zwölf entschieden sich, Aktionärin und Aktionär zu werden. Gantenbein behielt die Mehrheit, ein präziser Aktienvertrag regelt den Besitz, und Beat Lauber, ein versierter Kaufmann, wurde Präsident des Verwaltungsrats.

Zumthor sehen
Vorgesehen war die Edition Hochparterre als Stöckli für den Chefredaktor, der im Abendrot gemächlich Bücher verlegen würde. ‹Zumthor sehen› hiess der Beginn, eine Ernte aus der Freundschaft mit dem Fotografen Hans Danuser und dem Architekten Peter Zumthor. Das Design des Erstlings besorgte Hochparterres Grafikerin Susanne Kreuzer. Das Buch erschien noch in Kooperation mit Scheidegger & Spiess. 2008 nahm Roderick Hönig die Zügel in die Hand und entwickelte aus Gantenbeins Stöckli ein Treibhaus der Firma. 34 Titel hat er verlegt, darunter Renner wie die Grundrissfibeln. Oder Hochparterres Grafikerin Juliane Wollensack gestaltete das schöne Buch ‹Arkadien›. Werner Huber entfaltet sich zum die Edition prägenden Autor. Sein Buch zur Architektur der Bahnhofstrasse setzte Massstäbe, zurzeit sitzt er am grossen und endgültigen Architekturführer für Zürich. Zum Buch kam die Buchhandlung Hochparterre Bücher. Zu verdanken ist sie dem Krämerwunsch von Benedikt Loderer: «Ich will als Stöckli ein Antiquariat.» Daraus wurde 2007 eine Buchhandlung an der Gasometerstrasse in Zürich, wo heute Cornelia Thalmann und Esther Kirianoff geschäften.

Ermatten und einstellen
Agnes Schmid, die Geschäftsfrau für Inserate, Projekte und Ideen, hat das Ski- und Snowboardrennen für Architekten und Designerinnen zusammen mit Yves von Ballmoos von Zingg Lamprecht auf die Beine gestellt. Der Möbelhändler verkaufte seinen Laden, das Skirennen hörte nach zehn Ausgaben auf. Auch Hochparterre selbst scheitert immer wieder an Hoffnung und Ambition. Vom ‹Du› war die Rede. Auch ‹Hochparterre Fernsehen› machte nach den ersten drei Ausstrahlungen 1994 Sendeschluss. Wir begruben vor der Premiere ‹Hochparterre Radio›, ‹Hochparterre Weine› und ‹Hochparterre Honig›, das mit der Stadtimkerei ins Geschäft kommen wollte, bevor alle davon sprachen – Honig und Wein scheiterten am Einspruch der Fraktion der Ernsthaften in der Firma. ‹Hochparterre Drohnenflug› gaben wir viel Kredit, realisierten Vorzeigefilme zu Gebäuden und Städten – niemand aber wollte unser Können kaufen.

Enthüllen
Hochparterre in Unterwäsche – damit machten wir 1999 Reklame für die Ausstellung ‹Enthüllungsgeschichten› von Luzia Kurmann im Historischen Museum Luzern. Wir schrieben den Katalog. ‹Bling bling›, ‹Möbelgeschichte› waren Kataloge fürs Landesmuseum. Publikationen für Museen in Langenthal, Baden, Chur, Aarau, Flims, Winterthur und Zürich folgten. An der Expo.02 waren wir vielseitig mit von der Partie. Den Katalogen folgten Ausstellungen im Gelben Haus Flims, an der Biennale für Design in Rio de Janeiro, in der Tribeca Gallery von New York, in Köln, in Tokio, Berlin, Meran – oft zusammen mit Ariana Pradal und Roland Eberle. Wir waren im Kunstmuseum Chur und natürlich im Architekturforum Zürich zu Gast. Keine Ausstellung aber erhielt die Aufmerksamkeit dieses Katalogbildes. Seither hat sich ästhetisch auch bei Hochparterre viel getan – wenn, dann zeigten wir uns nur noch in Unterwäsche von anderem Designkaliber.

Auf allen Kanälen
Für den Milchverband Kaffeerahmdeckeli mit Architektur, für die Post Briefmarken mit Designikonen – aus Freude an der Fantasie, aus Wille für neue Wege und aus Lust, nach gewährtem Wissen eine Rechnung zu schicken. So entstand Hochparterres Denkwerkstatt. Werner Huber richtete sie als Stadtwerkstatt in Warschau ein. Meret Ernsts Expertise hat die Designpolitik von Pro Helvetia geprägt und gestaltet zurzeit Zürichs Designwirtschaft mit. Wir sind Jurorinnen, Ratgeber und halten mehr als hundert Ansprachen und Vorträge pro Jahr. Meret Ernst ist Vizepräsidentin der Swiss Design Association, Köbi Gantenbein präsidiert die Kulturkommission des Kantons Graubünden. Für Radio, Fernsehen und Zeitungen gaben wir Hunderte Interviews und achten darauf, dass jeder Auftritt den Namen Hochparterre mitträgt. So begann auch Hochparterres Jahresrückblick mit einem Augenzwinkern: Der goldene, silberne und bronzene Hase mit der TV-Sendung ‹10 vor 10›. ‹Die Besten in Architektur, Design und Landschaft› haben es gut überlebt, dass das Fernsehen uns vor ein paar Jahren verlassen hat – dafür ist das Museum für Gestaltung Zürich mit uns.

Tessenows Leuchte
‹Heini, der Schmid von Göschenen› hämmerte in Inseraten quer durch die Schweiz gegen die Unvernunft. Vergeblich, die Abstimmung gegen die zweite Röhre durch den Gotthard ging verloren. Wir hatten mit einer Kampagne mehr als 300 Architektinnen, Ingenieure, Gestalterinnen gegen das unsinnige Vorhaben als Kronzeuginnen aufgeboten. Hochparterre ist seit Beginn ein Verlag, journalistisch gedacht und gemacht, aber parteiisch und engagiert für die Vernunft. Schon im ersten Jahr lancierten wir einen Wettbewerb für die Umnutzung der Kaserne Zürich, später rannten wir immer wieder gegen die Autobahnen in Zürich an und werden uns im nächsten Jahr kräftig mit einem Themenheft gegen den Rosengarten-Tunnel wehren. Wir halfen, das Kongresshaus von Häfeli Moser Steiger zu retten, Benedikt Loderer ist der Spiritus Rector der Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen, Köbi Gantenbein half mit Hochparterre erfolgreich, die Olympischen Spiele in Graubünden zweimal zu bodigen. Erfolglos aber der Kampf, die Villa Böhler in St. Moritz 1989 vor dem Ruin zu retten. Der Bierkönig Heineken brach sie bei Nacht und Nebel ab und stellte einen Klotz anstelle des zierlichen Alpenhauses von Heinrich Tessenow hin. In des Chefredaktors Stube baumelt als Reliquie die Kellerlampe, die der Architekt 1916 hatte aufhängen lassen.

Hochparterres Haus
Hochparterre blüht dank eines grossen Freundeskreises. Seit dem ersten Tag gehört zum Beispiel Martin Hofer, der Architekt, Geschäftsmann und Projekteschmied, dazu. Er hat die Themenheftreihe zu den bis heute 37 Stadtmonografien von Zürich West bis Genf erfunden und über seine Beziehungen mitfinanziert. Hier steht er mit seinem Bergführer K. auf der Dufourspitze, wo die zwei am 1. April 2011 in einer kleinen Schatulle die Pläne für Hochparterres eigenes Geschäftshaus im Zürcher Kreis 5 eingegraben haben. Das Vorhaben war finanziert, die Architekten Steinrucker & Co. hatten es fertig gezeichnet. Es blieb aber im Dschungel stecken und ging in Einsprachen unter, so dass wir das Land weiterverkauft haben und heute frohe und glückliche Mieter der Zürcher Liegenschaftenverwaltung sind. 

Radio Tayna
Ein Prozent des Gewinns geht ins ‹Solidaritätsprozent› für Journalistinnen und Journalisten, denen es nicht so gutgeht wie uns. Wir konzentrieren diese Geste seit fünf Jahren auf Goma, eine Stadt im Osten der Republik Kongo. Dort wütet der Bürgerkrieg, grassiert die Korruption, die Medien werden brutal bedrängt. Hochparterre unterstützt die widerständigen Kollegen mit gut 10 000 Franken im Jahr. Damit bezahlen sie Infrastruktur ihres Radios ‹Tayna›, organisieren Ausbildung, schreiben Wettbewerbe für gute Reportagen aus. Ein winziger Tropfen nur auf einen heissen Stein im ohnmächtigen Wissen, was die Rohstoffkonzerne mit Sitz in Zug und Genf zum Elend des Kongo beitragen.

Auszeichnen
«Schreien im finsteren Keller», spottete die ‹Weltwoche› 1988 über das erste Heft. «Ein halbes Jahr, dann sind sie pleite», meinte der ‹Tages-Anzeiger›, nachdem die Redaktion ihre eigene Meisterin geworden war. Zum fünften Geburtstag schenkte uns das Museum für Gestaltung in Zürich aber eine eigene Ausstellung, und am 4. September 2001 titelte die NZZ «Aufstieg ins Piano Nobile». Der Zürcher Stadtrat hängte Hochparterre die Wölfflin-Medaille an die Brust, den Preis für die Vermittlung von Kunst. Wir sangen zum ersten Mal das ‹Hochparterre-Lied› im Chor, mit dem wir seither jede Generalversammlung beschliessen. 2009 lobte uns der Zeitungsverlegerverband mit seinem Medien-Award. Auszeichnungen auch für Einzelne: für Meret Ernst den Greulich-Kulturpreis; für Benedikt Loderer den Preis des Kantons Bern für Kulturvermittlung, für Roderick Hoenig und Axel Simon einen Swiss Art Award für Architekturvermittlung und für Köbi Gantenbein den Medienpreis der Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet, einen Anerkennungspreis seines Kantons Graubünden und schliesslich die höchste Ehre der Schweizer Medienwelt: 2013 den Zürcher Journalistenpreis «für sein Gesamtwerk».

Öffentlich zeigen und reden
Im Sommer 2012 feierte Hochparterre in Disentis die ersten Preisträger seiner ‹Stadtlandschau›, des Wettbewerbs für Planung siehe Abbildung. Gewonnen hatte der Ort in der Surselva mit seinem ‹Baumemorandum›. Olten, Bern, Chur, Winterthur, Bülach – 35 Mal lud Rahel Marti bisher zum Städtebau-Stammtisch ein, einem Diskurs zu Stadtfragen. Bald beginnt eine Veranstaltungsreihe von ihr und Palle Petersen im ‹Kosmos› in Zürich, und kürzlich hat Petersen zusammen mit Andres Herzog erstmals die ‹Wilde Karte› an junge Architekturbüros verteilt – eine Einladung zu einem Architekturwettbewerb. Regelmässig läuft ‹Hochparterre Kino› und trifft sich das ‹Wettbewerbsquartett› von Ivo Bösch und Marcel Bächtiger. Lilia Glanzmann lädt zum ‹Design zum Zmittag› ein, und wir haben den ‹Design Preis Schweiz› in Solothurn miterfunden. Kurz – Hochparterre begann als Zeitschrift und ist heute ein bunter, vielfältiger Ort – eine Institution.

Kinderparade
An einem regnerischen Aprilnachmittag im Jahr 2011 stellte Rahel Marti im Kunstmuseum Glarus ihr Buch ‹Verborgen, vertraut. Architektur im Kanton Glarus von 1900 bis heute› vor. Vor dem Museum eine Parade von Kinderwagen. Im braunen hat sie Felix Fridolin herbei gefahren, ihren Sohn. Hochparterre begann kinderlos; heute ist die Firma kinderfroh: 16 Buben und 4 Mädchen sind zur Welt gekommen. Werdende Mütter legen den Mutterschafts- und den Bildungsurlaub zusammen und setzen Ferien oben drauf, sodass sie ein halbes Jahr beim Kind sind und dann teilzeitig wieder in die Firma kommen. Auch Väter reduzieren ihre Arbeit. Zu Hochparterres Beginn waren alle ledig, heute sind wir gesellschaftlich normal: ledig, verheiratet, getrennt und geschieden. Auch der Altersbogen ist weit gespannt von 1948 bis 2000. Die Jüngste ist Mira Kahn, die lernende Kauffrau, etwas älter Anna Raymann, die Volontärin und pfiffige Journalistin auf Hochparterre.ch, der Älteste ist René Hornung, der Produzent und Reporter. Die meisten sind zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt.

Hochparterre zum Vierten
Hochparterre tagte im letzten Sommer im Hirschen von Stammheim: Wir erfinden uns zum vierten Mal neu. Was, wenn Köbi Gantenbein ins Abendrot steigt? Vieles ist gerüstet. Eine Verfassung für die kollektive Führung wird verhandelt. Liberté, Égalité, Solidarité sind fest verankert. Starke Institutionen fürs Mitbestimmen, Krisen bewältigen und Erfinden sorgen für Stabilität. Das journalistische Credo steht hoch oben. Kaufmännischer Sinn ist allen wichtig. Der unschlagbare betriebswirtschaftliche Vorteil des gleichen Lohnes für alle prägt die Geldsorgfalt. Der Aufbruch ins unbekannte und unruhige Neue fördert Lust, Bedenken und Fantasie. Das Auswechseln der Räder am fahrenden Zug wird das Abenteuer der nächsten Jahre sein.

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