Thomas Frutiger, Jürg Sollberger, Rahel Marti, Jacqueline Hadorn und Dietrich Schwarz diskutieren über Berns Zukunft.

Bern aufmischen

Soll Bern nach innen verdichten, nach aussen einzonen? Die Antworten gingen am Städtebaustammtisch gestern Abend auseinander. Einig waren sich aber alle: Bern muss wachsen, und zwar durchmischt.

Bern will wachsen. Neuer Wohnraum und Arbeitsplätze sollen der Hauptstadt Schub verleihen. Vergangenen Sommer stiess die Regionalkonferenz Bern-Mittelland mit der Kampagne «Boden gutmachen» eine Debatte an, um über das Wie und Wo dieser Entwicklung zu diskutieren. Hochparterre und das Architekturforum Bern nahmen am Städtebaustammtisch gestern Abend diesen Ball auf. Das Thema zieht, das Kornhausforum war bis auf den letzten Platz besetzt. Zu Beginn warf der Architekt Dietrich Schwarz einen pointierten Aussenblick auf die Stadt. In einer Studie machte er vier Arealtypen aus, die Verdichtungspotential bieten. Bern soll urbaner werden. Statt einer Ausnützungsziffer von rund 1.0 sieht Schwarz 2.0 und mehr vor. Die anderen in der Runde pflichteten dem bei, mahnten aber, die heutigen Qualitäten nicht wegzubauen. Für Schwarz ist klar: Einzonungen sind nicht nötig. Auch der Bauunternehmer Thomas Frutiger will nach innen verdichten. «Doch Umzonungen sind politisch am einfachsten, am attraktivsten.» Jürg Sollberger von der Wohnbaugenossenschaft Bern-Solothurn sieht die Sache nicht so schwarz-weiss. Verdichten schliesse Einzonungen nicht aus, sofern diese an der bestehenden Infrastruktur liegen. «In Brünnen erschliessen wir Kühe.»

Dass zentrale Areale nicht entwickelt werden, liegt laut Jacqueline Hadorn vom Stadtplanungsamt nicht am fehlenden Mut der Stadt. Grundeigentümer wie die SBB hätten andere Absichten, die Bern nicht beeinflussen könne. Verdichten heisst für sie auch, über die Grenzen zu denken. So habe die Stadt zusammen mit dem Umland ein Hochhausleitbild entworfen. Frutiger blickte skeptisch in die Runde: «Die meisten Hochhäuser sind nicht finanzierbar.» Stattdessen forderte er ausgedehnte Gewerbeflächen in der Stadt. Doch Hadorn möchte diese lieber im Umland ansiedeln. «Grosse Industriestandorte gehören nicht in die Stadt.»

Die Diskussion war angeregt, blieb aber ohne Beispiele vage. Moderatorin Rahel Marti fragte darum nach konkreten Vorzeigeprojekten. Doch noch ist wenig auf dem Tisch. Sollberger nannte die Umnutzung der Kehrichtverbrennungsanlage beim Warmbächliweg in ein Wohn- und Arbeitsquartier als positives Beispiel. Allerdings warnte er vor erneutem Stillstand, wenn alle Parteien ihre Wünsche einbringen wollten. Von der Stadt verlangte er «steuernde Bodenpolitik statt reiner Gewinnmaximierung». Frutiger stiess ins gleiche Horn wie der Genossenschafter. Die Stadt solle die Areale zusammen mit Privaten und Genossenschaften entwickeln und nicht einfach das Land dem Meistbietenden verkaufen. «So kann sie die Kriterien knallhart definieren.»

Ob so viel Einigkeit lehnten die Zuschauer beruhigt zurück. Doch Schwarz holte sie wieder auf den Boden der Realität. Neben Energie und Verdichten sei die Demographie der dritte Megatrend unserer Zeit. Und gerade hier steht Bern vor grossen Hürden, da die Bevölkerung älter ist und weniger Nachwuchs hat als im Schweizer Durchschnitt. «Doch um darauf zu reagieren, gibt es keine Konzepte», so Schwarz. So dunkel sieht Frutiger die Zukunft nicht. Man müsse gemischte Quartiere bauen, dann funktioniere die Nachbarschaft – auch für ältere Menschen. Mix statt Monokultur. Darin waren sich alle einig. Bern muss wachsen, und zwar durchmischt.

Hochparterre dankt Velux für die freundliche Unterstützung des Städtebaustammtisches.

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