Versessen

Warum Stühle entwerfen, wenn es längst Tausende ikonische gibt? Acht Schweizer Designer erklären, warum sie von diesem Möbel einfach nicht lassen können.

Fotos: Lorenz Cugini

Warum Stühle entwerfen, wenn es längst Tausende ikonische gibt? Acht Schweizer Designer erklären, warum sie von diesem Möbel einfach nicht lassen können.

Es gibt Stühle, die schreiben Geschichte. Etwa der Wiener Kaffeehausstuhl des Schreinermeisters Michael Thonet, der als erster für die breite Masse erschwinglich war und millionenfach verkauft wurde. John F. Kennedy führte seine legendäre TV-Debatte gegen Richard Nixon 1960 auf einem Stuhl von Hans J. Wegner. Das machte die Holzkonstruktion so berühmt, dass man sie fortan schlicht ‹The Chair› nannte. An einem Konzert der Rolling Stones 1967 in Zürich kam es zum sogenannten Stuhl-Sturm, was Medienhäuser als Auftakt der Globus-Krawalle werteten. Und 2021 entzündete sich das von der türkischen Regierung provozierte ‹Sofagate› an zwei thronartigen Stühlen, von denen keiner EU-Präsidentin Ursula von der Leyen zugedacht war – sie musste allein auf einem monströsen Sofa Platz nehmen, abseits des visuellen Machtzentrums. Abgekühlte Begeisterung Schon seit der Zeit der ägyptischen Pharaonen markieren Stühle Macht. Herrscher thronten, während das Volk hockte. Die Verbindung des Stuhls mit Macht und Status hat sich in der Sprache festgesetzt: Professorinnen haben einen Lehrstuhl inne, der Chairman ist der wichtigste Vorsitzende, der Papst repräsentiert den Heiligen Stuhl. Kaum ein anderes Alltagsobjekt erlangt diese Massenwirksamkeit, wird für sich stehend zur Ikone, zum Zeitzeugen und zur gestalterischen Visitenkarte. Generationen von Schreinerinnen, Designern und Architektinnen haben sich am Stuhl abgearbeitet, ihn mit neuen Materialien und Verarbeitungstechniken geformt und ihm den eigenen Blick auf den Zeitgeist eingeschliffen. «Tatsächlich ist der Stuhl – abgesehen möglicherweise vom Auto – das Industrieprodukt der Moderne, das die Designer am meisten beschäftigt hat; keines wurde genauer untersucht, über keines wurde mehr geschrieben, keines wurde begeisterter gefeiert», heisst es in der Einleitung des vor 25 Jahren erschienenen Taschen-Titels ‹1000 C...

E-Mail angeben und weiterlesen:

Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt! Wir möchten Ihnen gerne Zugriff gewähren, obwohl dieser Beitrag Teil unseres Abos ist.