Plakat von Igor Gurovich (Ostengruppe), das anlässlich des 120. Geburtstages von Alexander Rodschenko im Jahr 2011 gestaltete wurde.

Weltformat 13

Vom 12. bis zum 20. Oktober 2013 findet das internationale Plakatfestival in Luzern statt. Teil davon ist eine Sonderausstellung über russische Plakatgestaltung. Ein Gespräch mit zwei Mitgliedern des Moskauer Kollektivs «Ostengruppe».

Der Luzerner Verein «Weltformat» veranstaltet jährlich ein internationales Plakatfestival mit dem Ziel, das Medium Plakat als Kulturgut zu stärken. An der diesjährigen Ausgabe setzen die Macher erstmals ein Themenschwerpunkt: Gezeigt werden rund 150 Plakate aus Russland. Die Organisatoren des Festivals haben dafür die Hochschule Luzern – Design & Kunst an Bord geholt. «Russland ist eines der interessantesten Länder für Grafikdesign. Umso mehr freuen wir uns, dass uns die Hochschule mit ihrem Engagement und guten Kontakten unterstützt», sagt Erich Brechbühl, Leiter von «Weltformat 13». Unter der Ägide von Monika Gold, verantwortlich für die Studienrichtung Graphic Design, wurde eine umfassende Ausstellung mit Plakaten der Grafiker-Gemeinschaft Ostengruppe aus Moskau konzipiert. Sie zählt zu den bekanntesten Vertretern der aktuellen Grafik-Szene Russlands. Das mehrfach preisgekrönte Kollektiv wurde 2001 von Igor Gurovich, Anna Naumova und Eric Belousov gegründet. «Die Ostengruppe hat im Gegensatz zu vielen anderen eine ganz eigene Handschrift, sie gibt eine zeitgemässe Antwort auf die bis heute wegweisende russische Avantgarde der 1920er Jahre. Nach den Propaganda-Plakaten, die bis Ende der 1980er Jahre in der Sowjetunion vorherrschten, orientiert sich das heutige russische Grafikschaffen sonst leider mehrheitlich an der westlichen Werbesprache», erklärt Monika Gold. Im Vorfeld der Ausstellung hat sie hat mit zwei Mitgliedern der Ostengruppe, Eric Beloussov und Natasha Agapova, folgendes Interview geführt.

Könnt Ihr von eurer Plakatarbeit leben? Verdient Ihr genügend mit Plakatgestaltung?
Eric Beloussov: Überhaupt kein Geld (lacht). Manchmal zahlen wir noch damit sie gedruckt werden – für die Produktion.
Und wovon lebt Ihr?

EB: Wir haben viele kommerzielle Aufträge.
Zum Beispiel?

EB: Ein sehr grosses Projekt ist das Internationale Filmfestival Moskau und weitere Filmfestivals in Russland, die zahlen gut. Wir können Entwürfe machen wie wir sie wollen und werden trotzdem bezahlt. Wir arbeiten auch für kommerzielle Kunden und für die Russische Regierung. Die verpflichten uns für die Gestaltung von Design‐Events, für Corporate Design oder für Signaletikaufträge.
Es gibt in Russland nicht viele mittlere oder kleine Kunden. Die Regierung ist unser Hauptkunde von da erhalten wir die meisten Designaufträge – wir arbeiten in ganz Russland vom Ural bis Socchi.
Könnt Ihr machen was ihr wollt oder gibt es Einschränkungen?
Natasha Agapova: Es kommt auf die Projekte an. Manchmal können wir machen, was wir wollen, manchmal müssen wir strikte Regeln befolgen. Kürzlich machten die Jungs die Corporate Identity für die Stadt Socchi, da gab es sehr strenge Regeln und es war recht schwierig zu machen, was sie wollten. Andere Projekte gehen gut.
EB: Da wir schon recht lange arbeiten, sind viele unserer Kunden langjährige Kunden, die auch Freunde geworden sind. Sie lassen uns machen, was wir wollen, sie pushen uns nicht.
Können wir das Socchi Design anschauen oder ist es noch geheim?
EB: Wir können die Arbeiten auf unseren Computern anschauen.
NA: Ich arbeite vor allem für Theater, gestalte Theatermagazine, Bücher und auch Theaterplakate für das Moskauer Theater, das Puschkin Museum, etc.
Gut ich bin gespannt auf das Socchi Design. Zuerst aber noch eine weitere Frage: Arbeitet ihr eigentlich zusammen an Plakaten oder gestaltet jeder seine eigenen? Eric seine, Igor seine, Natasha ihre?

NA: Bei den Plakaten macht jeder seine eigenen, bei grossen Projekten arbeiten wir zusammen.
Wie kommt es, dass die Plakate aber mehr oder weniger wie aus einer Hand, von einer Person gestaltet aussehen?
NA: Vermutlich weil wir ungefähr denselben Hintergrund, dieselbe Ausbildung haben und wir mögen dieselben Sachen. Wenn du Ostengruppeplakate vor 10 Jahren anschaust, sehen sie mehr oder weniger so aus, als wenn sie von derselben Person gemacht worden wären, aber inzwischen wirken sie recht unterschiedlich und es ist fast schwierig, nicht zu erraten, wer sie gemacht hat (lacht).
Was ist euer Hintergrund?
NA: Eric und Igor studierten am Moskauer Stroganov Institut (Eric studierte Möbeldesign, Igor Autodesign), ich am andern Institut aber wir haben ähnliche oder dieselben Lehrer gehabt. Auch Igor und Eric lehrten uns. Ausserdem haben wir wohl gleichartige Einflüsse in unsern Arbeiten.
Kann ich eine politische Frage stellen? Wie ist das Gefühl heutzutage in Russland als Graphic Designer zu arbeiten?
EB: Wir befürworten die Regierung nicht. Wir machen aber keine politischen Plakate. Einfach, weil wir das nicht wollen – es ist unsere Entscheidung. Was momentan in Russland geschieht, mögen wir nicht und wir befürworten es auch nicht andererseits protestieren wir auch nicht dagegen. Wir sprechen darüber aber wir machen keine politischen Plakate.
NA: Wir arbeiten für die Regierung aber nur für Kulturprojekte, nicht für Parteien oder für die Politik nur für Kulturelles. Wir befürworten Putin nicht.
Ich verstehe – Ihr geht nicht den politischen Weg aber wie ist es für Kulturschaffende heutzutage in Russland zu arbeiten? Hat es sich in den letzten 10 Jahren verändert?
EB: Vor 10 oder vor 15 Jahren gab es Gefühle von Veränderung. Man dachte an eine schöne Zukunft und dass man etwas ändern könne, anders leben könne, etc. Heute gibt es keine solchen Gefühle mehr, weil niemand mehr so denkt. Alles was wir können ist geradeaus zu gehen, es gibt nur den Weg und wir gehen einfach geradeaus ohne mit der Politik zu kollaborieren. Wer politisch arbeiten will muss Russland verlassen.
Wenn man in Russland arbeiten will, kann man nicht tun was man will, man kann nicht politisch aktiv sein, das geht nicht.
Was würde geschehen, wenn man politisch Arbeiten würde?

EB: Es würde nichts passieren. Wir kämen weder ins Gefängnis noch würden wir getötet. Es macht einfach keinen Sinn so etwas zu tun, es hätte keinen Einfluss, niemand würde es sehen. Vielleicht würden wir einige unserer Kunden verlieren oder Kulturprojekte der Regierung, weil die dachten, wir seien zu politisch. Ein Beispiel: Eine Radiostation, die ziemlich in Opposition zur Regierung steht. Die haben nun Probleme mit der Werbung, weil dort keiner mehr seine Werbung dort platzieren will und nun geht ihnen das Geld aus. Wir haben keine Angst in dieser Hinsicht aber es macht keinen Sinn oder wie Igor sagte: «Du kannst keine Tanks mit Plakaten stoppen...»
Als Ihr begonnen habt, als Grafiker zu arbeiten oder als ihr noch studiert habt, hattet ihr da andere Vorstellungen von der Grafik‐Arbeit?
EB: Als ich Student war hatte ich keine spezifischen Gedanken an die Zukunft oder Vorstellungen davon was Graphic Design wäre, ich tat einfach was ich damals tat. Die Ostengruppe war eine Kette von ungeplanten Zufällen.
Nun wirst Du im September Professor?

EB: Wir unterrichten nicht, wir wurden angefragt als Kuratoren, um das Design Curriculum der Russischen Designschulen zu erneuern.
Was ist Dein Hauptanliegen? Was sollen Studierende von Dir lernen, wenn Du unterrichtest?
EB: Zuerst denken, dann machen. Als wir Studierende waren, war das Unterrichtsprogramm überall dasselbe: Zuerst musste man akademisch Zeichnen lernen: Quader, Zylinder, Kugeln, Figuren.
Also die Perfektion erlernen?
EB: Ja. Eine Art mittelalterliche Ausbildung, es ging mehr ums Handwerk, als ums Denken. Die Zeiten haben sich geändert, mittlerweile gibt es Computer usw., aber das Ausbildungsprogramm in den staatlichen Schulen Russlands ist immer noch dasselbe, noch immer gleich traditionell, es hat sich nicht viel geändert.
Wirklich?
EB: Ja. Nun versuchen wir aber ein neues Unterrichtsprogramm zu entwerfen. An erster Stelle steht nicht zu zeichnen sondern zuerst über kreative Herausforderungen und deren Lösungen nachzudenken. Wir wollen die Studierenden zum Denken bringen, sie sollen über ihr Tun sprechen und schreiben. Es geht dabei nicht spezifisch um Graphic Design‐ oder Plakatunterricht, sondern um allgemeinere Themen, wie Mode, Objektdesign, Innenarchitektur, Neue Medien, etc. Wir wollen den Studierenden die nötige Basis und Herangehensweisen ans Design mitgeben in einer Kombination von Vorlesungen und Praxis.
Und wie wichtig ist Euch wie etwas aussieht? Die Erscheinung, die Ästhetik?
EB: Die Idee ist wichtiger. Wenn die Idee gut ist, ist es fast egal, wie etwas aussieht. Aber eigentlich ist es schon besser, wenn es auch gut aussieht... (alle lachen).

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