Hochparterre-Redaktorin Meret Ernst wird mit dem Greulich Kulturpreis 2014 für Design-Journalismus ausgezeichnet. Fotos: Cortis & Sonderegger

Greulich Kulturpreis für Meret Ernst

Hochparterre-Redaktorin Meret Ernst wird mit dem Greulich Kulturpreis 2014 für Design-Journalismus ausgezeichnet. In ihrer Laudatio bezeichnet Jurorin Gabriela Christen Design als «mot valise» und Meret Ernst als «Donna Universale» des Designs.


Greulich Kulturpreis für Design-Journalismus an Meret Ernst 14. März 2014

Sehr geehrter Herr Brunner, Sehr geehrte Mitglieder des Stiftungsrats
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Meret

Ich freue mich sehr, hier im Auftrag der Greulich-Stiftung von Thomas Brunner mit seinem Stiftungsrat die Laudatio für Meret Ernst als Preisträgerin des Greulich Kulturpreises 2014 im Designjournalismus halten zu dürfen. Ich muss ihnen gestehen, die Entscheidung, Meret Ernst für diesen Preis vorzuschlagen, ist mir nicht schwer gefallen. Da ich die Ehre habe, als Alleinjurorin für diesen Vorschlag verantwortlich zu sein, werde ich diese Entscheidung natürlich gerne begründen. Aber so leicht mir der Entscheid gefallen ist, so haben sich im Vorfeld natürlich dennoch viele Fragen darüber gestellt, welche Qualitäten und Kompetenzen in diesem Rahmen ausgezeichnet werden sollen und vorerst einmal: Was denn mit Designjournalismus überhaupt gemeint sein könnte.

Noch vor wenigen Jahrzehnten existierte dieses Genre zumindest in der Schweiz kaum und schon gar nicht unter diesem Namen. Wenn man sich in der Presselandschaft und bei den Fachzeitschriften umgesehen hat, so tauchte der Designbegriff vor allem in den traditionellen Fachmagazinen aus dem Bereich der Architektur und in Lifestylemagazinen auf, die häufig in der Tradition der angelsächsischen Vorbilder dieser Gattung entstanden sind. Erst mit der Zeitschrift «Hochparterre» seit 1988 steht der Begriff des Design im Titel – oder mindestens Untertitel einer Schweizer Zeitschrift. Mit «Hochparterre» erhielt die deutsche Schweiz ein Magazin, das sich zwischen High & Low – wie man damals noch sagte –, zwischen Journalismus, Trend, Reflexion und Lifestyle ansiedelte. Heute wird hier mit dem Designjournalismus also eine relativ junge Gattung des Journalismus ausgezeichnete, die jedoch in den letzten Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen hat, wenn man darunter die Blüte der Style, Lifestyle, Leben, Fashion, Trend-Bünde der Printmedien, die Peoplemagazine in Fernsehformaten und die Blogs und Onlineformate im Netz dazu zählt. Viele Gründe also, sich mit einer Auszeichnung im Journalismus dieser üppig blühenden oder gar wuchernden Sparte zuzuwenden.

Was aber ist mit dem Begriff des Design gemeint? Design – das wissen Sie hier alle besser als ich – Design ist ein «mot valise», ein grosser Koffer, in den man an Bedeutungen ebenso viel hineinpacken wie auch hervorzaubern kann. Design umfasst als Fachbereich in meinem Gebiet der Hochschulnomenklatur die unterschiedlichsten Ausbildungen, von Graphic Design über Illustration, Produkt- und Industriedesign, Innenarchitektur, manchmal Film und Fotografie. Fragt man eine breite Bevölkerung – wir haben das eben in der Zentralschweiz gemacht –, so scheint der Begriff für viele sehr unscharf zu sein: Jedenfalls wird Design erstaunlicherweise als weniger nützlich als die Kunst eingeschätzt. Zudem oszilliert das Verständnis von Design nach wie vor zwischen sehr unterschiedlichen Polen: Ist es für die einen die Verhübschung der Welt und die Gestaltung von Oberflächen und Dingen, so ist es für andere der utopiegetragene Anspruch, die Welt zu gestalten und zu verändern, zu verbessern oder zu hinterfragen. Sehen die einen im Design die ebenso frivole, luxusgetriebene, wenig nachhaltige und letztlich unnötige Neugestaltung der immer gleichen Objekte, so ist Design gerade in Schwellenländern nicht nur ein wichtiger Entwicklungsmotor, sondern auch die Chance, traditionelles Materialwissen und Craftkönnen in die Zukunft mitnehmen zu können. Sehen die einen im Design lediglich die Nähe zum Entrepreuneurialen und zur Wirtschaft, die sich der Kreativität und der Autorschaft bemächtigt, so ist Design für Denker wie Andreas Reckwitz dasjenige Dispositiv in der heutigen Welt, das sämtliche Aspekte der Gesellschaft umfasst, prägt und das zum Motor permanenter Innovation in allen Bereichen wird. Sie sehen, das Design ist tatsächlich ein gigantischer Koffer-Begriff mit einer ungeheuer umfassenden, semantisch schillernden Palette von Bedeutungen, Funktionen und auch Wünschen für die Weltgestaltung.

Es versteht sich von selber, dass diese Breite des Design eine Herausforderung für jeden und jede ist, die sich in diesem Bereich journalistisch bewegt. Meret Ernst, die heute mit dem Greulich Kulturpreis für Designjournalismus ausgezeichnet wird, bewegt sich in diesen Breiten, in den Höhen und den Untiefen, den unterschiedlichen Zonen von Design mit grosser Eleganz und Kompetenz. Sie schreibt über die Oberflächen und die Tiefen, die Konzept- und die Dingwelten, auf die sie hier trifft oder die sie aufspürt und vermittelt, mit der gleichen Souveränität. Warum: Sie ist eine eigentliche «Donna Universale» des Designs. Ausgebildet als Kunsthistorikerin an der Universität, kennt sie die historischen Referenzen der Disziplin, die sie als langjährige und bestandene Journalistin immer wieder in ihre Texte einfliessen lässt und diesen ihr geschichtliches Relief verleiht. Seit 2003 leitet Meret Ernst die Redaktion für Kultur und Design bei «Hochparterre». Als Fachhochschulrätin der Zürcher Fachhochschule ist sie eine Kennerin der Fragen von Hochschulpolitik und Ausbildung im Design – eine Herausforderung in Zeiten von so grossen Umwälzungen durch gesellschaftliche, mediale und technische Entwicklungen für die Qualifizierung von jungen Menschen für die entsprechenden Branchen. Gefragt ist sie auch als Expertin für die Nachwuchsförderung im Design-Bereich, kennt sie doch die Klippen, die Absolventen von Hochschulen zu überwinden haben, wenn sie in den rauhen Winden der Selbständigkeit und des kreativen Unternehmertums bestehen müssen. Und nicht zuletzt engagiert sie sich in Berufsverbänden der Designer und Designerinnen. Der Design-Bereich ist zudem eine schnelllebige Szene, die von Projekten, Partnerschaften, Komplizenschaften und Kooperationen lebt. Hier ist Meret Ernst Teil der Szene und pflegt den engen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Sie sehen, Meret Ernst zeichnet ein wahrhaft universaler Zugriff aus den vielfältigsten Perspektiven auf den Design-Bereich aus. Ihr umfassendes Wissen konzentriert sich in ihrem Schreiben in den unterschiedlichen Medien und produziert eine Dichte, die man jedem ihrer Texte anmerkt, sei dies ein Artikel über einen neuen Gleitschirm oder eine Abhandlung über die Schweizer Designszene.

Was aber zeichnet Meret Ernst als Journalistin im Speziellen aus? Zunächst das, was journalistische Arbeit im Allgemeinen als Qualität auszeichnet:

– Neugier und die Fähigkeit im Aufspüren von spannenden und neuen Themen,
– sorgfältige Recherche,
– eine eigenständige Schreibe und Abwechslung zwischen den unterschiedlichen Formaten.
– Eine Haltung, die kritische Distanz und Empathie für Themen und Menschen gleichermassen zulässt.
– Der Glaube an Vermittlung und an die Rolle der Journalistin, durch das Beschreiben, Einordnen und vor allem das Kommentieren einem breiten Publikum Design verständlich und anschaulich zu machen.

Meret Ernst Spektrum umfasst Texte zu Forschungsprojekten, zu theoretischen Werken über Design, zu einzelne Produkten, zum Unternehmertum oder zur Autorschaft im Design. Damit betreibt sie eine leider aussterbende Form von Journalismus, historisch und akademisch fundiert, vom Alltag fasziniert, engagiert für den Nachwuchs, wirtschaftsfreundlich und Entrepreneurship fordernd, Autorschaft voraussetzend, und alles mit einer grossen Liebe zu den Akteuren, den Themen und zum Schreiben selber, kurz, ein universeller Zugriff auf den Journalismus über Design.

Was aber hält das alles im Innersten zusammen? Ich habe eine Vermutung: Meret Ernst schreibt in einem ihrer Texte, dass vom Grössenwahn geküsst sei, wer meint, Design rette die Welt. Dennoch vermute ich stark, dass hinter ihrem Engagement für Design und ihrem Schreiben darüber ein starker Glaube an die Wirkung und die Notwendigkeit von Design steckt. Wer sich für Design engagiert, weiss von dessen Aufmerksamkeit für einzelne Dinge, Produkte, Services durch Menschen und für Menschen und die grosse Sorgfalt für das Individuelle, als einem Wert, den es in einer Welt der Postindustrialisierung und der Massenproduktion braucht.
So ist es wahrscheinlich nicht der Grössenwahn, mit Design das Heil der Welt beschleunigen zu können, sondern vielmehr die Überzeugung, dass, wer sich mit Design auseinandersetzt, immer vom Glauben beseelt sein muss, dass die Welt gestaltbar und somit veränderbar ist. Es ist dieser Funke von Utopie, der in den Texten der Designjournalistin Meret Ernst immer wieder aufblitzt.
Meret Ernst, ich gratuliere dir ganz herzlich zum Greulich-Kulturpreis für Design-Journalismus 2014.

* Gabriela Christen ist Direktorin der Hochschule Luzern – Design & Kunst.

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