Hellmuth Karasek zerpflückt das Werk «Die kleinen Freuden des Alltags» von IKEA. Fotos: zVg

«Ein möblierter Roman»

Ein Skandal, meint der Literaturkritiker Hellmuth Karasek, dass dieses meistverbreitete Buch noch nie rezensiert wurde: der IKEA-Katalog.

Tatsächlich gehört er mit seinen knapp 220 Millionen Exemplaren rein mengenmässig zu den Schwergewichten gedruckter und gebundener Seiten. Und im Zeitalter eines entgrenzten Literaturbegriffs will auch ein Katalog ernstgenommen werden. Wieso nicht. Hellmuth Karasek bemängelt in seiner Kurzkritik des Werkes, das unter dem Titel «Die kleinen Freuden des Alltags» erschien: Es erzähle viel, aber sei sozusagen vollgemüllt mit Gegenständen. In dem «möblierten Roman» müssten sich die Personen zwischen Möbel drängen, kämen selten zu Wort und redeten kaum zusammenhängend. Auch nerve das den Leser «anrempelnde» Du – auf die Problematik der deutschen Übersetzung geht der Kritiker an dieser Stelle nicht ein. Immerhin, Karasek fundiert seine Kritik an der dürftigen Sprache mit Beispielen, die er nach einigem Blättern doch noch findet. An Stellen wie «Die Batterien sind aufgeladen, Körper und Geist sind erfrischt. Wir blinzeln mit den Augen und erwachen langsam aus dem Schlaf...» möchte Karasek den Roman lieber weglegen und weiterdösen. Sein vernichtendes Fazit – dem Buch fehle alles, was es zu einem Werke schöngeistiger Literatur machte – relativiert er indes: schliesslich wäre es genauso ungerecht, würde man ein Verzeichnis der Postleitzahlen nach fehlenden Personen absuchen. Was uns wiederum zum Fazit bringt: selbst mit schlechter Literatur lässt sich trefflich PR betreiben, sofern man einen willigen und humorvollen Kritiker findet.

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