Michael Erlhoff (1946 - 2021) Freund, Förderer, Gründer und heiterer Mensch.

Ein grosser des Designs ist gestorben

Michael Erlhoff, der Designprofessor und heitere Mensch aus Köln, ist am 1. Mai gestorben. Er war ein Ermutiger, ein Kritiker und ein Kreuz&Querdenker. Ein Nachruf von Köbi Gantenbein.

Abendämmerung in Fläsch. Ich sitze am Donnerstag Abend am Fenster meiner Stube, schaue in den Garten und höre die Kantate «Wie der Hirsch schreit». Es ist tröstliche, berührende Musik von Felix Mendelssohn mit einem schönen Schlusschor: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?» Am Morgen hatte ich mit Uta Brandes in Köln telefoniert und gehört: Michael Erlhoff, ihrem Gefährten, ihrem Mann und Einundalles, geht es ganz schlecht. Ich ahnte, dass er sterben wird; am 1. Mai ist er gestorben. 

Ich lernte Michael Erlhoff als junger Hochparterri 1989 kennen. Er war Geschäftsführer des Rates für Formgebung und Autor pfiffiger Aufsätze, die Kulturwissenschaft und Design verbündet haben. Ich wollte mich in Frankfurt kundig machen, was Hochparterre sinnvoll mit Design auch noch tun könnte. Auch Heidi hatte ja einst in dieser Stadt allerhand fürs Leben gelernt. Die Fahrt vor über dreissig Jahren begründete eine Freundschaft: Zu ihr gehörte Uta Brandes – nur einmal traf ich ihn in all den Jahren allein. Zur Freundschaft gehörte Gastfreundschaft mit gutem Essen und Trinken. Er liebte französischen Käse und guten Fisch; ich entdeckte dank ihm die ausgezeichneten deutschen Brote; ich erschien nie ohne eine Schachtel Luxemburgerli, die er «Schprünglis» nannte – das «i» betonend, um mir so seine Referenz an meine Schweizer Sprache zu geben. Auf dem Kleber, der die Schachtel zumacht, steht: «Bitte sofort geniessen». Ihn amüsierte köstlich, wie «Schprüngli», das Wesen der Schweiz auf den Kopf stelle. Und wir haben aus dem Spruch eine Designtheorie der Differenz zwischen Kulturen entwickelt. Ich bewunderte seine enorme Gelehrsamkeit und Belesenheit, schätzte sein scheinbar endloses Beziehungsnetz und mochte seine lebhafte Phantasie. Er schätzte nebst den «Schprünglis» aus Zürich und dem Rotwein aus der Bündner Herrschaft meine bodenständige Neugierde, er bewunderte mein erfolgreiches Kleingewerblerleben und staunte, dass ich mich auf seinem Jahr um Jahr weiter ausgelegten Parkett ins weltweite Design nicht elegant, sondern mit Bergschuhen, Seil und Haken bewegt habe. Verbunden hat uns eine herzliche und treue gegenseitige Zuneigung. 

Hochparterre hat einen Gönner verloren; mein Beruf war der Beginn unserer Bekanntschaft. Drei Denker haben der Art, wie wir den Begriff Design für Hochparterre eingerichtet haben, die Grundlage gegeben. Lucius Burckhardt, Norbert Elias und Michael Erlhoff. Alle drei schienen früh in Hochparterre auf – der steinalte Soziologe Elias in einem seiner letzten Interviews; Burckhardt immer wieder in kleinen Begegnungen – mit Michael Erlhoff und Uta Brandes habe ich über lange Jahre geredet, wie Design im Wirbel von Warenästhetik bis Ethnografie, von Gesellschaftskunde bis zur technischen Verfertigung eine Zeitschrift sinnvoll machen könnte. Die Weltluft, die Offenheit, die Neugierde für die eckige Runde, die die Grundlage des Unternehmens Hochparterre auszeichnen, haben viel mit ihm und Uta zu tun – Briefe, Telefonate, Besuche waren verständnisreiche, ab und zu harte Kritiken – «ach, ach, ihr Schweizer». Rührend war, wie Michael Erlhoff mich und Benedikt Loderer mit Anregungen zum Gedeihen des Kleingewerbes im Spätkapitalismus 1991 ermuntert hat, den Verlag auf eigene Beine zu stellen. Auf seinem Balkon an der Hahnenstrasse 8 in Köln stiftete er Jahre später eine Begegnung mit dem Besitzer der Zeitschrift Form an, mit der Idee, Hochparterre solle sie kaufen – gescheitert ist der Handel nicht am Geld, aber Benedikt Loderer oder ich hätten nach Deutschland zügeln müssen – das ging nicht. Zu weit weg von den Bergen. Er hat es schwer verstanden: «Ach, ach, Du Schweizerlein.» 

Neugierig hat Michael über all die Jahre Hochparterres und meinen Weg verfolgt, und bedauert, dass ich mich immer mehr den Alpen und der Landschaft zugewendet habe – das sei schon recht, aber kein Vergleich mit der Welthaltigkeit und Bedeutung von Design. Und überhaupt – zu viel zu Fuss gehen und ausserhalb der Stadt leben, sei ungesund. Mit den Alpen hatten wir es dennoch zusammen: Als Präsident der Raymond Loewy Foundation lancierten er und Uta einen Designkongress; ich brachte den Ort ein und so gründeten sie 2000 den «St. Moritz Design Summit», der sechsmal im Hotel Suvretta-House in Saus und Braus über die Bühne ging. Ich war gerne der Fremden- und Bergführer für die Weltrunde von Designstars aus Amerika, Japan und Europa. Und schmunzelte, wie Michael Erlhoff Hof halten konnte – eloquent, heiter, selbstbewusst. Und die Tabakindustrie zahlte die Zeche aller.

Nach seiner Zeit beim Rat für Formgebung wurde Michael Erlhoff 1991 Gründungsdekan und Professor für Design an der Fachhochschule Köln, und Uta Brandes Professorin. Sie holten mich als Lehrer dahin. Einen, zwei Blockkurse jährlich übers Zeitschriften machen gab ich ein paar Jahre lang und war also Zaungast, wie sie und ihre Kolleginnen und Kollegen die Designabteilung komplett auf den Kopf stellten. Sie gaben der Ausbildung eine kulturwissenschaftliche und -historische Grundlage – er war ein begeisterungsfähiger Lehrer in Designgeschichte. Sie lösten die Ausbildung aus der berufskundlichen Fessel und es gelang ihnen, mit der Köln International School of Design KISD eine der über Deutschland hinaus wichtigen Hochschulen für Design aufzubauen und zu etablieren. Könner des handfesten Industrial Design lehrten da ebenso wie Forscherinnen zu neuen Themen wie Gender Design oder Service Design. Grossen Wert legte der Dekan darauf, seine Professorinnen und Professoren freundschaftlich zu verbünden bei gutem Essen und Trinken. Mich berührte, wie stolz er bei den für die ganze Abteilung öffentlichen Freitagspräsentationen auf die Studentinnen und Studenten war. Er lobte und pries auch pringe Entwürfe als mögliche Gassenfeger und Kassenschlager. Und nach der Schau brach er auf und spurte wie ein Chefarzt im grossen Spital auf Visite allen voran durch die Gänge zur nächsten Schau – mit der rauchenden Zigarre in der Hand. 

Ich war in den Neunziger Jahren neben Hochparterre auch Lehrer für Design an der heutigen Hochschule der Künste in Zürich. Die Kunstgewerbeschule war unterwegs zur Fachhochschule machte mich zum Leiter des Studienbereichs Design. Ich hatte zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen ein Curriculum zu entwerfen, das auch in Zürich das Design von der Berufs- in die Hochschule verwandeln sollte. Mit unseren Plänen im Koffer reiste ich immer wieder nach Köln an die Hahnenstrasse 8, wo Michael Erlhoff meine Gedanken kritisierte und bereicherte. Er legte so Spuren im Design in der Schweiz, denn bis ins Jahr 2002 war ich fleissig, mit der Auflösung des klassenweisen Unterrichts, mit Blockkursen von Koryphäen, mit der öffentlichen Präsentation der Projekte und mit kulturwissenschaftlicher Grundierung den Studienbereich Design zu verwandeln. 

Michael Erlhoff kam 1946 zur Welt. Er studierte Literaturwissenschaften und Soziologie und arbeitete am Theater; er gab zusammen mit Uta Brandes – die zwei waren ein Lebenspaar – eine Kunstzeitschrift heraus und betreute den Kurt Schwitters Almanach; Erlhoff war ein Kenner des Dadaismus und baute mit Uta Brandes eine kleine Sammlung zeitgenössischer Kunst auf – «unsere Pensionskasse». An der Documenta 8 in Kassel war er für das Thema Design engagiert und prägte es fortan in Deutschland und in der Welt mit – als Lehrer, als Redner, als Ausstellungsgestalter, als Schriftsteller, als Netzeknüpfer, als Ermunterer und Performer. Von 1991 bis 2013 war er Gründer, Leiter, Herz und Seele der KISD; nach der Emeritierung stieg er  bald als Ehrenprofessor in Braunschweig ein, reiste mit Uta redend und lehrend um die Welt. Vor einem Jahr erkrankte er schwer, erholte sich nach grossen Operationen, mochte wieder ab und zu Zigarren schmauchen und war unerschütterlich optimistisch. Vor ein paar Tagen erschien sein letztes Buch und sein erster Roman: «Musils Mulis».  Er spielt in Hannover, Berlin und vor dem Paradies. 

Ich kondoliere Uta Brandes herzlich, verlassen nun auf der Erde – ohne Mikel. 

 

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Kommentare

Ralf Michel 03.05.2021 08:15
… ja, Michael Erlhoff hat viele ermutigt und ermuntert, neue Wege zu gehen. Auch mich als ehemaligen Studenten der KISD. Seine ehrliche Zugewandtheit wird mir neben etlichen erfrischenden Aufforderungen anders zu denken in Erinnerung bleiben.
Sven-Anwar Bibi 03.05.2021 14:20
Michael Erlhoff war ein Könner des kritischen Diskurses mit der Welt, den Konventionen und Brauchtümern, er war ein Macher und machte in der Regel das, was andere sich nicht trauten, er laß an Mittwoch Abenden in Qualm verhangenen Hörsälen vor großem studentischem Publikum, er hatte Jüngerinnen und Jünger, die ihm an den Lippen hingen und andere, die genau das nicht taten, er war ein überzeugter Netzwerker und begeisterter Lebemann. Michael Erlhoff hat eine ganze Kölner Generation von Designern geprägt - mich eben auch, nachhaltig.
Carsten Thiele 03.05.2021 19:54
Eine sehr große Inspiration und er war wirklich immer gut gelaunt Es war mir eine Ehre...
Guy Papstein 03.05.2021 20:37
Ich möchte mich für das Viele, dass ich durch Michael Erlhoff lernen durfte, bedanken. Ich war nicht immer „d‘accor“ mit seinen Aussagen - aber der ein oder andere abendliche Diskurs bei Tabak und Wein war ebenso wertvoll und stets versöhnlich. Ein grosses Zitat von ihm begleitet mich (neben amderen) seit ehedem „Sport ist oft nur Kompensation von Müssiggang“.
Gregor Johannsen 04.05.2021 08:30
Vielen Dank Köbi Gantenbein Dieser Nachruf beleuchtet wundebar das Gesamtwerk Michael Erlhoffs. Ich bin froh als Designstudent des Fachbereichs Design winzige aber wertvolle Teilhabe gehabt zu haben. Eingefahrene Denkmuster zu verlassen, um es sich im Idealfall für alle Beteiligten leichter zu machen ist die Direktive. Sie führte mich zu u.a. sogar zu ihnen Herr Gantenbein. Die von Studenten geleitete aber von Erlhoff/Brandes dirigierte Gruppe um das Thema N.I.D. - non intentional design hat bei einem Interview u.a. mit ihnen gute Erkenntnisse gewonnen. Der Pool aus hochkarätigsten Kontakten der Beiden hat uns an Orte versetzt, von denen wir nicht mal im Traum vorher zu denken gewagt hätten. Eine tolle Reise. Sie dauert noch immer an, obwohl wir längst wieder zuhause sind.
Tobias Kuhn 04.05.2021 17:20
Lieber Köbi, vielen Dank für diesen überaus persönlichen, warmen und liebenvollen Nachruf für Michael Erlhoff. Auch ich durfte während meines Studiums an „seiner“ Schule - ich finde, es war seine Schule - Teil dieses Kosmos sein. Damals war es noch das "Kölner Modell". Es hat mich tief geprägt - bis heute und mich zu Schritten ermutigt, die ich ohne diese Erfahrung niemals gemacht hätte. Verkrustete Denkstrukturen aufzubrechen und neue Wege einzuschlagen, drückte sich schon in seiner fast kindliche Freude an der Anarchie aus. Wer sonst hätte - nicht ohne Uta Brandes - über Jahre einen Studiengang aufbauen und leiten können, ohne schriftliche Studienordnung und gegen die Bürokratie Deutschlands größter FH? Darauf mindestens noch ein Glas Wein und eine Zigarre …
Peter Friedrich Stephan 05.05.2021 19:38
Michael Erlhoff war mir über 30 Jahre ein anregender und zugeneigter Gesprächspartner, immer großzügig und hilfsbereit. Zusammen mit Uta hatten wir viel Freude am gemeinsamen Denken und Reden, Essen und Trinken, Spinnen und Planen. Die frohe Botschaft war, das Design als ”transitorisches oder transformatorisches Kompetenz-Bündel“ aufzufassen, heute notweniger denn je und weiter mein Auftrag. Danke, Michael!
Georg Valerius 07.05.2021 09:38
Er war für mich ebenso hochklassiger wie großartige Mentor, fast allwissend, nicht frei von gewisser Schlitzohrigkeit nichtdestotrotz feinhumorig, freundlich, höflich, dem Guten zugetan....
Michael Wolf 07.05.2021 17:39
Danke, Köbi Gantenbein, für den tollen Nachruf. Es macht mich traurig, dass Michael Erhoff verstorben ist. Ich denke jetzt: Hätte ich ihm doch nochmal persönlich und ausdrücklich gesagt, was ich ihm (und auch Uta) zu verdanken hab. Die KISD (zu meinen Zeiten noch „das Kölner Model“) hat meine (Design)denken komplett umgekrempelt und mich auf einen neuen Weg gebracht. Michael war unverkennbar der Orchestrator der neuen Schule die dort ausprobiert wurde. Ich bewunderte ihn, der uns stets dazu ermutigte, Denk- und Handlungsgrenzen in Frage zu stellen. Mir schallt noch sein „na, dann machen Sie es doch!“ in den Ohren, als wir mit dem Studierenden-Rat auf Kollisionskurs mit der Fachhochschulleitung waren. Das war seine Devise. Viel denken, aber auch einfach nur machen. Und viel gemacht hat er. Mein herzliches Beileid an Uta.
Petra Neumann 07.05.2021 22:57
Herzlichen Dank, Köbi Gantenbein, für diesen Nachruf. Michael Erlhoff war ein großer Freund des geschriebenen und gesprochenen Wortes, tiefsinnig und humorvoll zugleich. Vielleicht ist es das, was meinen größten Respekt hervorrief. Ich muss mir unbedingt seinen Roman besorgen. Seine Vorlesungen und Seminare waren bei aller Ernsthaftigkeit der Inhalte, geprägt von einer Art verschmitzter Heiterkeit - nie langweilig, immer unterhaltsam. Wenn man denn geneigt war, seinen Gedanken zu folgen, konnte man viel lernen. Lernen mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, in alle erdenklichen Richtungen zu denken, Ungefragtes in Frage zu stellen und Ungedachtes auszuprobieren. Das war nicht für alle passend, aber für viele sehr inspirierend. Es war gar nicht notwendig, immer die selbe Meinung zu haben - im Gegenteil. Eine ordentliche Disputation führt oft zu neuen Sichtweisen, zu neuen Ideen. Ein gutes Handwerkszeug für Designer:innen. Er hat bewirkt, dass aus uns Student:innen keine betriebsblinden Spezialist:innen wurden - sondern "Universelle Dilettanten". Dafür bin ich sehr dankbar.
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