Antje Reineck ist Hochparterres Artdirektorin. Fotos: Jonas Weibel

Der Identität beraubt

Die normierte Signaletik, wie sie im Zürcher Friedhof Sihlfeld umgesetzt wird, führt zu einer ästhetischen Verarmung. Ein Kommentar von Hochparterres Artdirektorin Antje Reineck.

Ich liebe Friedhöfe. Sie sind ein Spiegel der Gesellschaft und zeigen, wie unterschiedlich Kulturen mit Tod und Trauer umgehen. In der Schweiz sind diese Orte nüchtern. Einige schöne gibt es, etwa die im Bergell mit ihren Gusseisenkreuzen, den jüdischen Friedhof im aargauischen Endingen, den Schaffhauser Waldfriedhof – oder eben die parkartige Anlage Sihlfeld in Zürich. Die Nüchternheit der Schweizer Friedhöfe hat viel mit Reglementierung zu tun. Beschlüsse regeln nicht nur, wie lange ein Grabmal bestehen soll, sondern sie schreiben recht pedantisch die Gestaltung, die Materialität und die Dimensionen der Grabsteine oder die Bepflanzung und Pflege vor. «Pützlet» soll jedes Grab sein, steril, keins ungepflegt oder überwachsen, keins bunter als das andere. So ordentlich wie die regelmässige Strassenreinigung ist alles geregelt. Nach 20 Jahren wird entsorgt, wer nicht berühmt ist. Diese Normierung führt zu einer ästhetischen Verarmung. Friedhöfe verstehen sich als Dienstleister für Trauernde und verschiedene Besuchergruppen. Die Friedhofverwaltung will Service bieten, die Nutzung erleichtern und verschlanken. Ganz so, wie wir heute mit dem Sterben umgehen: Möglichst schnell wieder zum Alltag übergehen, das ist das Ziel. Das Resultat sehen wir nun auf dem Friedhof Sihlfeld. Als Ordnungssystem wurden Stelen gesetzt und neu ‹Plätze› benannt, die lediglich Kreuzungen und Gabelungen sind. Sie heissen ‹Platz des Trostes› oder ‹Platz der Gemeinschaft› und bilden einen didaktischen Überbau, der jeweils auf einer Stele erklärt werden muss. Das führt dazu, dass an jedem der sieben Plätze drei davon stehen – zu viel an Information, wo es keine braucht. Mit dieser Signaletik will die Stadt nun ihre Anlagen vereinheitlichen. Schade. Was im Verkehr und in der Verwaltung sinnvoll ist, raubt dem Kultort Friedhof die Identität....
Der Identität beraubt

Die normierte Signaletik, wie sie im Zürcher Friedhof Sihlfeld umgesetzt wird, führt zu einer ästhetischen Verarmung. Ein Kommentar von Hochparterres Artdirektorin Antje Reineck.

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