Die Kostüme der Gewinnerin überzeugen ästhetisch und funktional. Sie geben der Wirtin und dem Kellner eine folkloristische Note, ohne ein wörtliches Zitat zu sein.» Martin Kamer, Juror; Entwurf: Janina Ammon. Fotos: Ingo Höhn

Auf die Rolle zugeschnitten

Wie Theaterkleider Geschichten 
erzählen, zeigt ein Wettbewerb in Luzern fürs Singspiel «Im Weissen Rössl».

Sie zupft, misst, steckt ab. Die junge Frau umschwirrt die Schauspielerin, die zur ersten Anprobe gekommen ist. «Das muss noch breiter und steifer werden», sagt Janina Ammon. Die Kostümdesignerin hat soeben den «Prix Just-au-Corps» des Luzerner Theaters gewonnen. Direktor Dominique Mentha hat das Sprungbrett in die Theaterwelt 2004 erfunden. Alle zwei Jahre gestalten fünf junge Designerinnen und Designer Kleider für zwei Figuren aus einer Produktion des Luzerner Theaters, dieses Mal für das Singspiel «Im weissen Rössl». Wer die Jury überzeugt, wird für eine Ausstattung in Luzern verpflich-
tet und erhält 10 000 Franken Gage. Der Publikumssieger gewinnt ein Praktikum an der Deutschen Oper in Berlin.Das Vorbild Das Luzerner Theater hat «Im weissen Rössl» letzte Saison 18 Mal gezeigt. Das Singspiel von Ralph Benatzky wurde 1930 in Berlin uraufgeführt und kurz darauf von den Nazis verboten, weil darin respektlos mit Folklore umgegangen und Sexualität unverblümt thematisiert werde. In den biederen Verfilmungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre merkte die Zuschauerin davon nicht viel, die 2009 in Zagreb entdeckte Urfassung aber sorgte für Erstaunen. Benatzkys Werk ist kein musikalischer Heimatfilm mit glücklichen Kühen und schneebedeckten Alpengipfeln, sondern eine Mischung aus Revue, Operette und Musical. Dominique Mentha hat das Stück entkitscht und in der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre angesiedelt. Die Kostümbildnerin Ingrid Erb hat die Schauspieler in Zeitkolorit gekleidet — sie wirken, als seien sie Figuren einer alten Postkarte. So treten die Österreicher vom Wolfgangsee im Dirndl auf, und die Berliner Feriengäste tragen Knickerbocker. Und weil das Original aus den Zwanzigerjahren frischer und frecher ist als der Film mit Peter Alexander, sind es auch die Kleider: Die Kellnerinnen werden zu Revuetänzerinnen und tragen unter ihren Sc...
Auf die Rolle zugeschnitten

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