Tomás Maldonado (1956). Quelle: Wikimedia

Addio Tomás Maldonado!

Der Künstler, Gestalter, Lehrer, Philosoph und Theoretiker Tomás Maldonado ist Ende November verstorben – ein Nachruf von Ralf Michel.

Vor meinem inneren Auge sehe ich Tomás Maldonado als jenen charismatischen, älteren Herren mit elegantem Hut durch die Strassen der Stadt flanieren. An seiner Seite die hellwache und stets interessierte rothaarige Dame, deren sprühende Energie ihre geringe Körpergrösse spielend kompensierte: Seine Lebensgefährtin, die Fotografin und grosse Verlegerin Inge Feltrinelli. In seinen späten Jahren lernten wir uns kennen. 2007 legte ich die Schriften zur Gestaltung mit der von Gui Bonsiepe editierten und ins Deutsche übersetzten Auswahl von Texten auf, die Maldonado nach seiner Zeit an der hfg ulm hauptsächlich in italienisch und spanisch publiziert hatte.

Tomás Maldonado hatte Deutschland kurz vor Schliessung der hfg ulm den Rücken gekehrt. Sein Pioniergeist, sein schöpferisches, in die Zukünfte gerichtetes kritisches Denken («pensiero discorrente», wie Bonsiepe es beschrieb), seine Einflussnahme aus tiefer humanistischer und politischer Überzeugung stellte er jedoch keineswegs ein. Mag sein, dass Tomás Maldonado im deutschsprachigen Milieu zeitweise vergessen ging; dass er kein Bezugspunkt mehr war für die Entwicklung einer latent egozentrischen, unkritischen und dem oberflächlichen Materialismus zuneigenden Disziplin. In Italien jedoch ging an ihm seit den 1970er Jahren kein Weg vorbei. Er lehrte Umweltgestaltung in Bologna und hob den Studiengang Industrialdesign am Politecnico Milano aus der Taufe, um nur zwei Stationen von vielen zu nennen. Wie kaum ein anderer Designtheoretiker verbanden sich in Maldonado seine verschiedenen disziplinären Herkünfte mit dem ausgeprägten Anspruch an die Argumentation und Intervention als Künstler, Gestalter, Lehrer, Philosoph und Theoretiker. Das Raunen des Spekulativen und emotionalisierte Überhöhungen schienen ihm grundsätzlich suspekt.

Gui Bonsiepe meinte, Maldonados Eigenschaften seien unter anderem von einer Abneigung gegen monokausale Erklärungen, einem Misstrauen gegenüber Entmaterialisierungstendenzen, der Kritik an technologisch-politischer Naivität, seiner seismografischen Empfindlichkeit gegen anti-emanzipatorische, autoritäre und antidemokratische Kräfte geprägt gewesen. Seine Charakterisierung schloss er ab mit dem Hinweis auf den kaustischen Witz, den Tomás Maldonado gegen andere und durchaus auch gegen sich selbst pflegte. Dieser scharfe Humor gründete auf einer Vorliebe für die lucidité und Nachvollziehbarkeit von Argumentationen. Diese Eigenschaften machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung und zu einem grossen Vorbild für den aktuellen Designdiskurs, den wir als Teil einer übergreifenden kulturellen Debatte verstehen sollten. In Maldonados Leben und Werk manifestiert sich, dass sich der Zweck des Designs und einer Designtheorie auf die soziale Umwelt richtet: «Der Weg, den wir zu gehen haben, besteht in einer offenen, kritischen und aufmerksamen Rationalität, insbesondere gegenüber den gravierenden Problemen unserer Gegenwart», sagte Tomás Maldonado in einem Interview 2009. Nun ist er am 26. November im hohen Alter von 96 Jahren gut zwei Monate nach dem Tod von Inge Feltrinelli in Mailand verstorben.

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