Jahrespublikation aus der Uni Liechtenstein

Transparenz ist, wenn …

Auf dem Buchcover steht «Architektur & Transparenz». Wer sich da auf eine reine theoretische Abhandlung einstellt, hat die Rechnung ohne den Architekten gemacht.

Das Buch in der Hand hatte ich mich auf eine theoretische Abhandlung eingestellt. Denn es ist das Institut für Architektur und Raumplanung der Uni Liechtenstein, das zu seinem Jahresthema der Transparenz auch eine Publikation veröffentlicht hat. Der Transparenz-Begriff wird am Anfang zwar definiert, aber nur kurz. Unsere Gesellschaft befindet sich im Zeitalter der Transparenz, erfahre ich. Damit ist das demokratische Zusammenleben garantiert, gleichzeitig geben wir aber immer mehr Daten von uns preis – ein Paradox.

Was hat es mit der Transparenz in der Architektur auf sich? Dazu versucht das Büchlein in angenehmen Häppchen Antworten zu geben. 19 kurze Beiträge von verschiedenen Autoren – oder wie es in der Einleitung heisst: «Unterrichtende, Forschende und Studierende» – interpretieren den Begriff auf eine persönliche Weise. Wie in fast jeder Architekturdiskussion, sei sie noch so theoretisch, dienen konkrete Häuser als Beispiel. Theorie mit Referenzen erzählt – anders können es Architektinnen und Architekten nicht. Das ist nicht schlecht, denn das Wunderbüchlein führt uns durch die Welt, reich illustriert mit zwar etwas kleinen aber speziell gezeichneten Plänen und Bildern, die auch noch ab und zu auf Transparentpapier gedruckt sind: von Ägypten über Bangladesch nach Kyoto, von Gottfried Semper über Luigi Moretti zu Rudolf Schwarz, von der Maasai-Hütte über ein Case Study House zum Centre Pompidou. Und es finden sich Trouvaillen wie das Centrum für Kunst und Kommunikation (CCC) von Ricardo Porro in Vaduz (1974) oder das Sommerhaus von Bruno Mathsson im schwedischen Frösakull (1960).

Seite aus dem Buch mit der Liebfrauenkirche von Dominikus & Gottfried Böhm

So verschieden die Gebäude sind, so verschieden ist die Interpretation der Transparenz. Es wäre im allgemeinen Sprachgebrauch einfach: etwas ist dann transparent, wenn es durchsichtig oder durchscheinend ist. Oder es ist die «Sichtbarmachung von andernfalls Verborgenem», «ein Phänomen des Hin und Her». Seit aber Colin Rowe und Robert Slutzky 1964 ihren Aufsatz «Transparency» veröffentlicht haben, ist der Begriff in der Architektur räumlich aufgeladen. Bernhard Hoesli erklärte uns: «Transparenz entsteht immer dort, wo es im Raume Stellen gibt, die zwei oder mehreren Bezugssystemen zugeordnet werden können – wobei die Zuordnung unbestimmt und die Wahl einer jeweiligen Zuordnungsmöglichkeit frei bleibt.» Die Autoren im Vaduzer Büchlein sehen da noch mehr Möglichkeiten: Transparenz entstehe durch Interpretierbarkeit oder sei eine gleichzeitige Wahrnehmung von verschiedenen räumlichen Situationen. Ich lese Sätze wie: «Grenzen erscheinen nahtlos, oder in anderen Worten: transparent», oder: «unsere gestaltete Umwelt wird transparent, wenn ihre zahlreichen Schichten lesbar sind.»

Am Ende der Lektüre, auch nach den fünf Kurzinterviews, ist mir der Begriff nicht viel klarer. Aber der Fächer der Möglichkeiten hat sich aufgetan. Wozu das alles? Da muntert uns Thomas Keller auf: Die Auseinandersetzung mit dem Transparenz-Begriff sei eine reiche Fundgrube, aus der wir uns bedienen können, unsere gebaute Umwelt mit vielfältiger und komplexer Architektur zu bereichern. Jawoll!

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