Viktor Martinowitsch: Mova.

Lesegenuss in Fiktion und bitterer Realität

«Mova» ist das neuste Buch des weissrussischen Autors Viktor Martinowitsch, der bis im Mai als Writer in Residence in Zürich zu Gast war. Im Roman ist Mova eine Droge, aber es ist auch die (weissrussische) Sprache. Was wie ein Science-Fiction-Roman daherkommt, hat einen starken Bezug zur Realität. Darum ist diese Rezension vor allem eine Geschichtslektion.

«Mova» ist das neuste Buch des weissrussischen Autors Viktor Martinowitsch, der bis im Mai als Writer in Residence in Zürich zu Gast war. Im Roman ist Mova eine Droge, und die Handlung ist im Prinzip schnell erzählt: Abwechslungsweise aus der Perspektive eines Junkies und eines Dealers erzählt Martinowitsch, wie sich Handel und Konsum dieser illegalen Droge in Minsk abspielen. Zeitlich ist der Roman im Jahr 4741 chinesischer Zeitrechnung angesiedelt. Die heutige weissrussische Hauptstadt Minsk ist eine Provinzstadt am Rand des russisch-chinesischen Unionsstaats, an dessen westlicher Grenze zu Europa eine dicke (chinesische) Mauer steht. Die Chinesen – oder vielmehr die Triaden – haben denn auch das Sagen. Das alte Minsk liegt unter einer vielschichtig gewucherten Hochhausstadt begraben. Die Leserinnen und Leser werden in den Strudel des schnellen Lebens der beiden Protagonisten hineingezogen, und wer einmal drin ist, kommt nicht mehr davon los. Dafür sorgen allein Martinowitschs Sprache in der dazu adäquaten Übersetzung.


Die wirkliche Brisanz von «Mova» erschliesst sich in einer zweiten Ebene. Denn Mova ist nicht nur eine Droge wie im Buch, sondern es ist auch – und vor allem – das weissrussische Wort für Sprache. Im Roman steht Mova spezifisch für die weissrussische Sprache, die von den neuen Machthabern verboten wurde und deshalb illegal als Droge gehandelt wird. Wer Schnipsel mit kurzen Texten oder auch nur einzelnen Sätzen erhaschen kann, wird davon high, ohne körperlich abhängig zu werden.


Wenn wir lesen, dass im Jahr 4741 die Chinesen in Minsk herrschen und das Weissrussische verbieten, klingt das zunächst nach Science Fiction. Wenn wir jedoch wissen, dass das chinesische Jahr 4741 gemäss unserem Kalender dem Jahr 2044 entspricht, rückt die Handlung plötzlich viel näher. Und wer die politische Situation und die jüngste Geschichte in Weissrussland und Russland kennt, erkennt auch, wie aktuell Martinowitschs Roman ist. Denn in Weissrussland, seit 1994 unter der Macht des totalitären Alexandr Lukaschenko, ist die weissrussische Sprache zwar nicht verboten, aber sie hat einen schweren Stand.

Die Zukunft war die Vergangenheit

Das klingt paradox, hat aber durchaus seine Logik. Als 1991 die Sowjetunion auseinanderbrach, wehte auch in Weissrussland der Wind der Freiheit. Das Weissrussische wurde Amtssprache, als Nationalflagge erhielt das Land die horizontal weiss-rot-weiss gestreifte Flagge, die Weissrussland 1917 nach der Abdankung des Zaren einführte, und auch beim Wappen knüpfte man an die Vergangenheit an. Die Weissrussische Republik war bereit, als unabhängiger Staat seine Identität zu entwickeln – erstmals in der Geschichte, denn während Jahrhunderten stand das Land unter russischer, litauischer oder polnischer Herrschaft.

Doch wie in allen Nachfolgestaaten der zusammengebrochenen UdSSR kollabierte auch in Weissrussland die Wirtschaft. Der Lebensstandard der Bevölkerung sank, die Stabilität war weg, und die Korruption nahm überhand. So war es möglich, dass ein zunächst unscheinbarer Kandidat wie Alexandr Lukaschenko bei der Präsidentenwahl von 1994 das Feld von hinten aufrollen konnte. Lukaschenko war Kolchoschef und im Parlament Vorsitzender des Anti-Korruptionsausschusses. In dieser Funktion räumte er zunächst Amtsinhaber Schuschkjewitsch aus dem Weg und inszenierte sich dann in Robin-Hood-Manier als Kämpfer für die Gerechtigkeit und für die kleinen Leute.

Im Wahlkampf propagierte Lukaschenko die Wiedervereinigung Weissrusslands mit Russland – also ein Zurück zu den vielleicht nicht so guten, aber stabilen und verlässlichen Zeiten. Und er sagte der Korruption den Kampf an. Damit konnte er im ersten Wahlgang eine Überraschung und im zweiten einen Erdrutschsieg verbuchen.

Kaum an der Macht, drehte Lukaschenko das Rad der Zeit zurück. Er führte das Russische als zweite Amtssprache ein und ersetzte Flagge und Wappen durch die minimal veränderten Symbole der Weissrussischen Sowjetrepublik. Im April 1996 gründete er mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin die Russisch-Weissrussische Union. Grosse Wirksamkeit konnte dieser Staatenbund zwar nicht entfalten, und wenn, dann ist Weissrussland immer der Junior Partner des grösseren Russland.

Wer heute gegen Lukaschenko Position bezieht, stellt sich also auch gegen die Anlehnung an Russland und somit für die Eigenständigkeit Weissrusslands. Die Flagge und die Sprache sind die entsprechenden Ausdrucksmittel – und deshalb hat die weissrussische Sprache in Weissrussland eben einen schweren Stand.

Europa: arm aber frei

In «Mova» hat Viktor Martinowitsch die aktuelle Situation in seinem Heimatland weitergesponnen und damit auf eine neue Ebene gestellt: Der russisch-weissrussische Unionsstaat ging im chinesisch-russischen Unionsstaat auf. Darin ist Russland der Junior Partner und Weissrussland eine Randerscheinung. Der Staat ist korrupt bis auf die Knochen, er ist autoritär geführt, aber er sichert den Menschen minimalen Wohlstand und Stabilität. Die Droge Mova ist der einzige Weg, dem Alltag zu entfliehen. Jenseits der dicken Mauer liegt «das alte» Europa. Das ist zwar verarmt, aber frei – und Mova legal und also billig. So beginnt denn Martinowitschs Roman in Warschau, das «um einiges attraktiver» geworden ist, «seit sie Gras legalisiert und Döner verboten haben». Dort beginnt die Reise des Dealers – und der Lesegenuss des Publikums.


Viktor Martinowitsch: Mova. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler.

Verlag Voland & Quist, Dresden 2016, Fr. 33.–

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