Auch bekannte Baudenkmäler, von denen wir glauben, sie seien durch die Jahrhunderte, so gewesen wie sie heute sind, sind in Wahrheit das Ergebnis von Um-, An- und Weiterbauten, schreibt der Stadtwanderer.

Es gibt ein Leben nach dem Bauen

Architekten, seht ihr mit euren Fertigprodukten nicht, dass das Fertige tot ist, das Unfertige hingegen lebt? Ein Argumentarium zur Verteidigung des Zwischenstands, ein Plädoyer fürs Fortfahren.

Er beginnt grundsätzlich. «Meine These ist: Architektur, ein Gebäude ist immer fertig und unfertig zugleich.» Die Häuser dauern länger als ihr erster Zweck, darum müssen sie anpassungsfähig sein. Der Titel «Weiterbauen» meint, veränderbar bleiben. Genau das, was die meisten Bauten der Moderne nicht sind. Das sind Fertigprodukte. Bösartig zusammengefasst: Jedes Hüsli kann um-, an-, ausgebaut werden, der Barcelona-Pavillon nicht. Hans Schmalscheidt, emeritierter Professor für Siedlungswesen an der Gesamthochschule Kassel, unternimmt einen langen Gang durch die Architekturgeschichte, doch tut er das nicht einem chronologischen Erzählfaden nach, sondern in eigenwilligen Kapiteln, die Verbinden, Zusammenfassen, Gruppieren, Erweitern, Parasitäres, Durchdringen und Verbinden, Städtebau, Grün und Der Dom von Aachen heissen. Man spürt, hier erntet einer die Früchte seiner Vorlesungen. Der jahrelange Sammlerfleiss wird vorgeführt. Selbstverständlich sind unter den Beispielen alte Bekannte, doch viele gibt es, die mir neu waren. Sie wurden, einmal gefunden, gewendet und neu platziert, genauer, in einen neuen Zusammenhang gebracht, worauf sich der Aha-Effekt einstellt, jedenfalls einer, der milden Sorte. Die Beispiele stammen aus der Literatur, doch hat Schmalscheidt auch eigene Zeichnungen beigesteuert, diese erfreuen mich durch den berühmten architektischen Zitterstrich. Da heimelet’s mir. Es ist ein Bilderbuch, also eines zum Ansehen. Doch nicht zum interesselosen Durchblättern, denn es ist ein Buch zur Belehrung, dem Leser sollen die Augen aufgehen und in seinem Hirn soll es klick machen. Konsequent schwarz-weiss kommen die vermutlich so 750 Illustrationen daher, es gibt kaum Fotografien, einige Reproduktionen von Gemälden sind dabei, doch keine Farben. Da wartet ein riesiger Fundus, ein Steinbruch für eigene Gedankengebäude. Es ist kein Coffee-Table-Buch, sondern...
Es gibt ein Leben nach dem Bauen

Architekten, seht ihr mit euren Fertigprodukten nicht, dass das Fertige tot ist, das Unfertige hingegen lebt? Ein Argumentarium zur Verteidigung des Zwischenstands, ein Plädoyer fürs Fortfahren.

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