Der dichte Grundtext ist gut lesbar. Fotos: Guillaume Musset

Der Nach-Schuber

In schönem Schuber veröffentlicht das Magazin ‹Arch +› die Vorlesungen Julius Poseners. Das trendige Kleid mit rosa Seiten und pinken Plänen überzeugt – im Gegensatz zu den neonfarbig markierten Sätzen.

Jeder von uns Architekturstudenten hatte den ‹Posener-Schuber› im Regal. Julius Posener hielt seine Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur Ende der Siebzigerjahre in Berlin. Das Magazin ‹Arch +› gab sie bis 1983 in fünf ihrer Nummern heraus. Wir verschlangen die winzige Schrift trotz Studentenblatt-Layout und vieler Satzfehler. 20 000 dieser Hefte gingen über den Ladentisch, mehrere Auflagen lang. Eine Generation später ist der Schuber zurück: Die Macher von ‹Arch +› haben die sechzig Vorlesungen lektoriert, Zitate und Quellen vervollständigt. Mike Meiré gab den beiden Softcover-Bänden ein trendiges Kleid mit rosa Seiten, pinken Plänen und Faustschlag-Typo.Und noch immer liest sich Julius Posener (1904–1996) wunderbar. Beim Gang durch die Zeilen hört man ihn reden. Sanft, aber bestimmt erzählt der kleine Mann, wie Technik und Gesellschaft die Städte und schliesslich die Architektur veränderten. Von Morris und Muthesius nimmt er uns mit bis zu Le Corbusier, seinen Goethe immer griffbereit. Neben der Sprache macht noch etwas anderes seine Texte lebendig und glaubwürdig: Posener war dabei. Er erlebte beide Weltkriege, arbeitete als Kritiker in Paris, als Architekt in Palästina, lehrte in London und Kuala Lumpur, bis er schliesslich 1961 nach Berlin zurückkehrte.Einige Redaktoren von ‹Arch +›, so steht es im neuen Vorwort, waren damals gegen die Erstveröffentlichung. Architekturgeschichte erschien ihnen zu unpolitisch. Umso erstaunlicher erscheint uns heute, dass Posener ein ganzes Heft lang die ‹Architektur der Reform› ausbreitete, mit viel Heinrich Tessenow, noch mehr Hans Poelzig, seinem Lehrer, und sogar Paul Schulze-Naumburg. Doch der Erzähler differenziert. Er merkt an, relativiert, warnt. Er fordert seine Zuhörer auf, genau hinzusehen.Das machen die neuen Herausgeber nicht. ‹Arch +›, selbsternannte Speerspitze gegen «aktuelle Retr...
Der Nach-Schuber

In schönem Schuber veröffentlicht das Magazin ‹Arch +› die Vorlesungen Julius Poseners. Das trendige Kleid mit rosa Seiten und pinken Plänen überzeugt – im Gegensatz zu den neonfarbig markierten Sätzen.

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