In 66 Schritten entlang des Geländers «Erkunden», «Entwerfen», «Planen» , «Umsetzen», «Pflegen und Erleben» zeigen die Autoren wie aus einem Stück Land ein gemeinsamer Garten werden kann. Fotos: Haupt Verlag

Deines Glücks Gärtner

Ein Hand- und Lesebuch eröffnet den Garten als Ort für die alternde Gesellschaft.

Kaum ein Thema zeigt den Zustand von Gesellschaft und Raum so wie der alternde Mensch. Politischer Wille, Strukturen, politische Kämpfe ermöglichen ihm Lebensraum, wenn er aus der Produktionsmaschine aussteigt – die AHV ist weit vor dem 1. August, den SBB und der Alpenlandschaft das zentrale Symbol der guten Schweiz. Auf der anderen Seite der Medaille ist die Ideologie, die diese Schweiz auch prägt: Sei Deines Glückes eigener Schmied. Tust Du gut, geht es Dir als Alter gut. Und dazwischen wächst die Bedeutung von Institutionen im Alltag, die dem Wohlleben im Alter Räume erobern – Mehrgenerationenwohnen, Spitex-Vereine, Altersnachmittage. Petra Hagen und Peter Eberhard haben nun einen weiteren Ort erforscht, der das Alter freundlicher machen kann – den Garten. Grosser politischer Bogen, Wille des Einzelnen und zivilgesellschaftliches Ermöglichen finden auf einem Stück Erde beispielhaft zusammen.  Und reich erforschen und lehren nun die Zwei in ihrem Buch «Gartenleben im Alter», was es bedeutet, wenn älter werdende Menschen einen Garten «gemeinsam gestalten und bewohnen».

Forschen und Erleben

Hinter dem Buch steht eine langjährige Forschungsarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in ihrer Abteilung in Wädenswil, wo unter anderem der Garten erforscht wird. Petra Hagen forscht und lehrt dort «Städtebau- und Gartengeschichte». Und hinter dem Buch steht die Praxis, erforscht in den zahlreichen Beispiel wie gemeinsam gegärtnert wird – reiches Material gibt vor allem der Garten, den Peter Eberhard in einer Siedlung für ältere Menschen an der Bodanstrasse in Kreuzlingen selber mitgeplant, mitangelegt hat, den er mitpflegt und mitbewohnt. Aus der Forschungsarbeit, den Beispielen querbeet und dem Garten an der Bodanstrasse  ist in Hochparterre vor einem guten Jahr das Themenheft «Gemeinsames Gärtnern im Alter» geworden. Gut bemessen war die Auflage und schnell war es dennoch ausverkauft. Zu lesen ist es noch als PDF.

Handfest mit 66 Schritten

Und nun – umfangreich und praktisch – «Gartenleben im Alter». Das Buch hat den Untertitel «66 Schritte zu einem gemeinsam gestalteten und bewohnten Garten». Es will unmittelbar nützen, nicht als Rezeptbuch, sondern als Handbuch auf mittlerer Flughöhe. In 66 Schritten entlang des Geländers «Erkunden», «Entwerfen», «Planen» , «Umsetzen», «Pflegen und Erleben» führen die Autoren nahe am Tun vor, worauf es ankommt, damit aus einem Stück Land ein gemeinsamer Garten werden kann. Handhaben sozialer Dynamik ist ebenso wichtig wie Graben und Einpflanzen; ästhetische Vergewisserung ebenso wie Kostenkontrolle. Die 66 Schritte sind didaktisch angelegt, verdankt der reichen Erfahrung des Autorenpaars als Dozentin und Lehrer. Peter Eberhard, der viele Jahre als Vorsteher des Departements Design an der Zürcher Hochschule der Künste gearbeitet hat, kann hier aus dem Vollen schöpfen. Er war ein Pionier des Fachs «Umweltgestaltung», er war und ist ein begeisterter Lehrer von heute etwas verlorener Kunst: Diskurs und Machen; Projekt entwickeln und durchziehen; kollektives und individuelles Können lernen und erfahren.  Die 66 Schritte sind von dieser Didaktik getragen in sorgfältiger Sprache, mit vielen Bildern aus Alltagsgärten der Schweiz und mit frohen Ausschweifungen in die Geschichte der Architektur, des Gartens und des Jazz.
So ist das Buch ein Hand- aber kein Rezeptbuch, es ist ein Macherinnenbuch und ein Stück Theorie des Gartens, der in seiner Form des «Gartenlebens im Alter» Gesellschaft erklärt und alternden Menschen Handlungsspielräume aufzeigt, wo sie als ihres Glücks Gärtner wirken können.

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