Ist ein Roman, ist’s ein Sachbuch? Beides. Im Roman wird das Leben einer amerikanischen Frau erzählt, eine Erfolgsgeschichte. Das Sachbuch dekonstruiert den Hüslitraum.

Das philosophische Hüsli

Einfacher wird es nicht, wenn man über das Einfamilienhaus nachdenkt. Es ist das Gefäss der Sicherheit und der Widersprüche. Eula Biss schreibt über Besitz, Kapitalismus und den Wert der Dinge.

Sie hat’s geschafft. Sie kaufte ein Haus, ein amerikanisches, mittelständisches, angemessenes. Das normale Vorstadtleben könnte seinen selbstverständlichen Lauf nehmen, doch ist diese Frau zu klug dafür. Statt ihren Besitz zu geniessen und sich am errungenen Status zu freuen, denkt sie genau darüber nach. Noch genauer, sie findet in ihrem häuslichen Alltag, im Reich der Dinge, die ungelösten Fragen ihrer wirtschaftlichen Existenz. Dass sie ein Teil der kapitalistischen Maschinerie ist, zum Beispiel. Meine Mutter hätte ihr gesagt: Du denkst zu viel. Doch sie füllt mit diesen Gedanken ein Buch. Sie muss ihr System im Gleichgewicht halten. Eigentlich möchte sie literarisch schreiben, doch das bringt zu wenig ein. Also muss sie unterrichten, kreatives Schreiben diesmal. Solange sie eine feste Stelle hat, geht das einigermassen auf. Sie verdient genug, dass sie sich’s leisten kann, eine Auszeit zu nehmen zum Schreiben, dieses Buch zum Beispiel. Selbstverständlich hat sie Schulden, welche Mittelstandsamerikanerin hat keine? Kopfhoch, sie sind tragbar. Doch sind sie eine Bedrohung, gegen die nur Geldverdienen hilft. Doch, doch ihr geht’s gut, besser als drei Vierteln ihrer Landsleute. 40 Prozent der Amerikaner haben Schwierigkeiten, eine unvorhergesehene Ausgabe von 400 Dollar zu stemmen. Sie denkt nach. Über die Sicherheit. Wie sie abnimmt. Die festen Stellen verschwinden, die Prekarität wird allgemein. Noch nicht für sie, doch wer weiss, was kommt? Das Haus verspricht Sicherheit, doch nur wenn die Hauspreise steigen. Sinken sie, so kann sie sich’s rasch nicht mehr leisten. Sie hat es ja gesehen, die Finanzkrise setzte 2008 auch mittelständische Leute auf die Strasse. Doch sie bleibt skeptisch optimistisch, denn schliesslich lebt sie in ihrer eigenen Sparbüchse. John ihr Mann «gibt zu, dass wir Geld hatten, es aber für das Haus ausgegeben haben. Jetzt leben wir in...
Das philosophische Hüsli

Einfacher wird es nicht, wenn man über das Einfamilienhaus nachdenkt. Es ist das Gefäss der Sicherheit und der Widersprüche. Eula Biss schreibt über Besitz, Kapitalismus und den Wert der Dinge.

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