Carter war der Klage- und Fragetyp. Er betrachtet Bern und seine Leute mit einem ethnografischen Blick und findet wenig Trost, schreibt der Stadtwanderer.

Berns «first and only negro in town»

Vincent O. Carter war eine Sehenswürdigkeit im Bern der Fünfzigerjahre. 1973 schrieb er ein Buch über Bern und dessen Eingeborene. Nun ist die genau beobachtende Abrechnung auf Deutsch erschienen.

Ja, an ihn erinnere ich mich. In den Fünfzigerjahren war er für den Bub, der ich war, eine gruslige Sensation: Der «first and only Negro in town», wie er sich nannte! Er ging ganz normal durch die Stadt, ich sah ihn auf dem Schulweg und war elektrisiert: Ein schwarzer Mann! Er war der einzige in Bern. Es soll Eltern gegeben haben, die, wenn sie mit ihm und Freunden, nach Beizenschluss (so um 23 Uhr!), zum Schlummertrunk nach Hause kamen, ihre Kinder weckten, damit diese einen echten Schwarzen besichtigen konnten. Kein Wunder, fühlte er sich unbehaglich. «Alle. Männer, Frauen, Kinder, Hunde, Katzen und andere Tiere, starren mich an – die ganze Zeit.» Vincent O. Carter lebte von 1953 bis 1957 als freier Schriftsteller, Englischlehrer, Radiomitarbeiter, Journalist und gelegentlicher Schauspieler in Bern. Er kam im richtigen Moment, um die geschichtsgeschwängerte Bernerluft einzuatmen, denn er kam, als mit einem grossen Umzug die 600 Jahre Berns im Bund der Eidgenossen gefeiert wurden. So viel bernische Selbstgerechtigkeit gab es vorher und nachher nie mehr. Ich stand als Achtjähriger am Fenster des Einrichtungsgeschäfts Fritz an der Gerechtigkeitsgasse, war begeistert vom Umzug, aber Carter sah ich nicht. Er, Jahrgang 1924, geboren in Kansas City, stammte aus der Unterschicht, ging mit 17 in die Armee, war an der Landung in der Normandie beteiligt, studierte mit einem Militärstipendium, kehrte 1953 nach Paris zurück, gelenkt von seinen Erinnerungen und dem Wunsch, dem Rassismus zu entkommen, den er in den USA erleiden musste. Doch Europa war eine Enttäuschung, weder in Paris, noch in Amsterdam oder München fühlte er sich wohl. Er kam nach Bern, um einen Freund zu besuchen, und blieb. Er war der Klage- und Fragetyp. Er betrachtet Bern und seine Leute mit einem ethnografischen Blick und findet wenig Trost. Die Berner sind auf Sicherheit bedacht. Die Männer müssen sich e...
Berns «first and only negro in town»

Vincent O. Carter war eine Sehenswürdigkeit im Bern der Fünfzigerjahre. 1973 schrieb er ein Buch über Bern und dessen Eingeborene. Nun ist die genau beobachtende Abrechnung auf Deutsch erschienen.

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